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Ausgabedatum: 21.11.2001

"Zwischen allen Stühlen"

V.S. Naipaul

Eine Würdigung des Nobelpreisträgers für Literatur V.S. Naipaul

Von Gerd von Olnhausen

Die gemischte Reaktion auf die Ernennung von V.S. Naipaul zum Nobelpreisträger für Literatur ist kennzeichnend für die Wirkung dieses Schriftstellers: ein notorischer Heimatloser, der wie kaum ein anderer über Kontinente und Epochen in Zeit und Raum ausgreift und doch nirgends dazuzugehören scheint. Um es vorneweg zu sagen, die Preisverleihung ist überfällig. Besser, sie wäre früher erfolgt und hätte so die Würdigung des Schaffens Naipauls von allen Spekulationen, sie ereigne sich insbesondere im Zusammenhang mit der gegenwärtigen weltpolitischen Situation, entkoppelt.

Es ist zu vermuten, dass die Wertschätzung für Naipaul in der westlichen Welt höher ist als in der von ihm bereisten und so schonungslos wie persönlich analysierten Welt der ehemaligen Kolonien. Trotz der ausgeprägten biografischen Bezüge in seinem Gesamtwerk, das rabiat verkürzt die Selbstbefindlichkeit des postkolonialen Menschen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt, ergreift Naipaul alles andere als Partei in einer scheinbaren globalen Auseinandersetzung.

Es ist unmöglich, ihn zu vereinnahmen und in irgendwelche Schubladen oder Schützengräben ritueller Konfrontationen zu packen. Im Westen scheint der Preisträger keine Feinde zu haben, im Süden dagegen keine Freunde. Dennoch finden Naipauls Bücher viele Leser und erfreulicherweise werden es durch die Preisverleihung mehr werden.

Er ist allen denjenigen zu empfehlen, die Gefallen finden an einer ebenso bündigen wie unterhaltsamen Prosa, an knappen aber dennoch prallen Beschreibungen, an Selbstreflektionen eines Menschen, der einem vertraut wird, ohne sich einem aufzudrängen und dabei ohne Pathos und ohne wissenschaftliches oder ideologisches Brimborium die großen Fragen der Zeit verfolgt.

Für unsere Indienfreunde sind insbesondere folgende auch auf deutsch veröffentlichten Werke von Interesse: "An Area of Darkness" (1964) und "A Million of Mutinies Now" (1990). Fast dreissig Jahre trennen die beiden Bücher. Ersteres gilt als eines der schwächeren, während "A Million Mutinies Now" als eines der besten Bücher Naipauls bezeichnet wird.

Das jüngere Indienbuch besticht vor allem durch seine bis zur Perfektion verfeinerte chronistische Methode. Naipaul läßt die Menschen, die er trifft, mit einer unvergleichlichen Authentizität zu Wort kommen und zeichnet so ein Bild des modernen Indiens in seiner gesamten Vielfalt. Dabei verharrt er aber nicht in dem abgedroschenen Stereotyp der "Widersprüchlichkeit", sondern offenbart dem Leser sein Material, das die Entwicklungen mit ihren Brüchen und Kontinuitäten verständlich machen.

Die moderne (globalisierte) Welt ist unbehaglich geworden. Wir sehen dies an vielen Zeichen und auch an den Protesten gegen die so genannte Globalisierung. Die "Unbehaustheit", die aus Naipauls Werken spricht, ist in der Lage dieses Ressentiment aufzunehmen, allerdings in dem positiven Sinne, dass er den Leser teilnehmen läßt an dem Prozess der Identitätsfindung der Betroffenen.

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