Newsletter Special: "Indien hat gewählt."

Indien schwört auf seinen ersten Sikh-Premier

Von Corinna Riewe

Die indischen Parlamentswahlen sorgten dieses mal wahrhaft für ausreichend Überraschungen: Zunächst war es die Kongresspartei, die die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen konnte. Dies war zwar nicht unmöglich, aber sicherlich auch nicht garantiert.

Dann verzichtete Sonia Gandhi - vielleicht doch nicht so überraschend? - auf das Amt des Premierministers. Und dann wurde mit Manmoham Singh ein Sikh erster nicht-hinduistischer Premierminister Indiens.

Wer ist dieser Mann, der von nun an die Geschicke Indiens leiten wird? Unbestritten ist: Singh ist ein ausgewiesener Ökonom und Administrator - und gleichzeitig spricht man ihm politische Führungserfahrung ab.


Indiens neuer Premierminister Manmohan Singh

1932 in Gah (Pakistan) geboren, war Singh zunächst acht Jahre in der Wissenschaft - u.a. in der angesehenen Delhi School of Economics und an der Oxford University - tätig, bevor er im Jahr 1972 seinen ersten Job als Wirtschaftsberater im damaligen Finanzministerium annahm. Beratende Tätigkeiten zeichneten seine weitere berufliche Karriere aus. Doch ihn als politisch unerfahren zu bezeichnen, ist gleichwohl nicht korrekt.

Nachdem er jahrelang als Mitglied des „upper house of parliament“ zugebracht hatte, wurde Singh 1991 zum Finanzminister berufen - und das zu einer Zeit, als das Land nahe dran war, in den endgültigen Bankrott zu gehen.

Der politisch bis dahin eher im Hintergrund agierende Singh setzte sich nun durch und installierte ein ambitioniertes und beispielloses ökonomisches Reformprogramm. Er vereinfachte dabei wesentlich das Steuersystem und schaffte verstaubte Regularien ab bzw. passte diese modernen wirtschaftlichen Gegebenheiten an.

Dabei verfolgt er dennoch ein Wirtschaftsmodell, das staatlichen Unternehmen - gerade in der Infrastruktur und der Landwirtschaft - eine relativ hohe Bedeutung zukommen lässt. Ökonomische Reformen bedeuten für Singh also die Modernisierung, aber nicht die Veräußerung gewinnbringender Staatsunternehmen.

Und diese Politik war nicht ohne Erfolgt: So erlebte die Wirtschaft unter Singh als Finanzminister in den 90ern eine Wiederbelebung, die Industrie wuchs und die Wachstumsraten des Landes lagen konstant bei 7% pro Jahr.

Doch reichen diese - zweifelsohne wichtigen und erfolgreichen - Erfahrungen aus, um aus Singh auch einen erfolgreichen Premier zu machen? Immerhin war dieser Posten gerade auch in Indien häufig von schillernden Personen besetzt und nicht umsonst hatten viele gehofft, dass die - politisch sicherlich auch nicht gerade erfahrenste - Sonia Gandhi selbst den Thron besteigt.

Und Singh fehlt nicht nur jedes Schillernde - er verfügt (noch) über keinerlei politische Basis in der indischen Bevölkerung. Denn wenn er auch über Jahre von seinen Parteimitgliedern ins Oberhaus gewählt wurde, so verlor Singh auch die einzige Wahl zum Nationalparlament, zu der er jemals direkt antrat.

Singh also ein Mann aus der zweiten Reihe? Die „Notlösung“, weil sich niemand besseres fand?

Das wohl nicht, denn der Mann hat durchaus Erfahrung. Gleichwohl wird er sich beweisen müssen, wobei ihm aber ein unschlagbares Argument zugute kommt: Der Mann gilt landesweit als einer der saubersten Politiker Indiens. Und der Kampf gegen Korruption ist eines der wesentlichen Themen, die beim indischen Wähler breite Unterstützung finden.

 

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