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Special: "Indien hat gewählt."
„Wissen macht satt“ (ein Beitrag mit freundlicher Unterstützung durch „brand eins Wirtschaftsmagazin“ - www.brandeins.de) „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung für die individuelle Entwicklung. Bildung ist notwendig für den gesellschaftlichen Fortschritt. Reine Binsenweisheiten? Sicherlich nicht. Unkritisch zu betrachtende Aussagen? Ebenfalls nicht. Aber wer von uns hat diese Aussagen schon einmal auf seine Kernelemente reduziert, dass er die Chance hatte, den positiven Inhalt für sich so zu verinnerlichen, dass er letztlich daran glaubt? Ein Land macht es vor: Ein Land glaubt an den Fortschritt - denn Wissen macht satt. In der aktuelle Juni-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Brand Eins hat Kerstin Friemel Antworten von Indern auf die Frage zusammen getragen, was sich durch Informationstechnologie ändert. Die Interviews, die sowohl mit dem Wissenschaftler, dem Chef oder dem qualifzierten Angestellten als auch mit dem Bauern oder der jungen IT-Autodidaktin geführt werden, zeigen eines: Das Land glaubt an den Fortschritt und sieht hierin seine Chance. Und das in einer gesellschaftlichen Breite, wie es vielleicht nur in einem Land möglich ist, in dem auch heute noch die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann und nur jeder vierte Zugang zu akzeptablen sanitären Einrichtungen hat. Das erste Interview-Paar lesen Sie hier: Der Statistiker S. D. Brahmankar und der Call-Center-Mitarbeiter Ashwini Gaur S. D. Brahmankar, Statistiker beim National Council of Applied Economic Research Gurgaon, ein boomender Vorort Neu Delhis. Frisch gebaute vierspurige Straßen führen durch das ständig wachsende neue Geschäftsviertel. Im 14. Stockwerk eines Wolkenkratzers wartet der Soziologe und Statistiker S. D. Brahmankar. Der Fahrstuhl schafft die Strecke geräuschlos in rund zehn Sekunden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf Glas-Bürotürme, schicke Shopping-Zentren und Baukräne. Hier ist Ende der neunziger Jahre Indiens erstes Call Center entstanden - Geburtsort für einen Berufszweig, der sich inzwischen im ganzen Land ausbreitet und Brahmankars Spezialgebiet umgewälzt hat: das Konsumverhalten der Inder. „Alle reden davon, dass internationale Konzerne von den billigen IT-Arbeitskräften in Indien profitieren. Davon, wie die Entwicklung der IT-Industrie die indische Gesellschaft verändert, spricht dagegen fast niemand. Am Anfang gab es in Indien nur Jobs für Computer-Freaks. Doch seit ein paar Jahren haben viele ausländische Firmen auch Service-Abteilungen nach Indien ausgelagert, vor allem Call Center. Da finden heute auch Inder Arbeit, die keine Computer-Freaks sind und verdienen Gehälter, von denen sie bis vor kurzem nur träumen konnten. Dazu kommen Jobs in neuen Branchen wie etwa im Service-Sektor: Fastfood-Restaurants, Luxus-Kinos, die gesamte Freizeit-Industrie, das gab es bisher kaum. Und das ist nur der Anfang. Diese Bereiche werden weiter boomen und eine neue Mittelschicht schaffen. Schon jetzt wächst sie jährlich um 15 Prozent. Zur Mittelklasse gehört, wer in einem Haushalt lebt, der mindestens 1274 Euro jährlich verdient. Das reicht, um in Indien Produkte wie Kühlschränke, Schwarz-Weiß-Fernseher oder Mopeds zu kaufen. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen rasant, die sich Markenklamotten leisten, in teuren Restaurants essen und luxuriöse Pauschalurlaube buchen können. Das war bis vor kurzem nur einer hauchdünnen Schicht vorbehalten. Man schätzt, dass die neuen jungen Konsumenten rund zehn Milliarden Dollar zur Verfügung haben. Ihre Ausgaben steigen im Jahr um rund zwölf Prozent - mehr als das Doppelte des jährlichen Wirtschaftswachstums in Indien. Selbst die indische Regierung versucht inzwischen, das Wirtschaftswachstum über den Konsum der neuen Mittelschicht anzukurbeln. Die Kalkulation der Politiker ist einfach: Der Konsum hilft der wirtschaftlichen Entwicklung, das schafft neue Jobs, die Steuereinnahmen steigen, es gibt mehr Geld, um die großen Probleme des Landes - von der Bildung über die Gesundheitsversorgung bis zum Ausbau der Infrastruktur - zu lösen. Schlussendlich folgt die stufenweise Ausweitung des Wohlstands, auch wenn das nicht von heute auf morgen passieren wird. Diese Veränderungen hat natürlich vor allem die Öffnung der indischen Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre bewirkt, von der die IT-Branche als eine der ersten profitiert hat. Das war ein radikaler Kurswechsel, der die wirtschaftlichen Chancen des ganzen Landes verbessert hat. Eigentlich hatte Mahatma Gandhi für Indien die Vision einer Nation sich selbst versorgender Bauern. Jawaharlal Nehru, Indiens erster Premierminister nach der Unabhängigkeit des Landes 1947, glaubte zwar an die Vorteile der industriellen Produktion, wollte aber ebenfalls die Eigenversorgung Indiens. Staatsbetriebe dominierten lange die meisten Industriebranchen und etliche Gesetze erschwerten den Außenhandel. Zwar konnten wir Inder uns meistens selbst versorgen, manchmal gab es jedoch Hungerkatastrophen, wenn etwa die Ernte von einem Monsun zerstört wurde. Dann kam 1991 die Öffnung der indischen Wirtschaft. Viele Bereiche wurden privatisiert. Seitdem sind der Aufbau einer Infrastruktur - Straßen, Gebäude, Kabelnetze - und der Service-Sektor zu den Hauptmotoren des wirtschaftlichen Wachstums geworden. Das hat auch die Menschen verändert. Das fängt damit an, dass sie heute nicht mehr auf Jobs in der Regierungsverwaltung zählen können, sondern selbst die Initiative ergreifen müssen - das gilt übrigens auch für die Landbevölkerung. Je besser die Elektrizitäts- und Glasfaserkabelnetze dort in Zukunft sein werden, desto einfacher wird es für Dorfbewohner, sich selbstständig zu machen. Und das endet nicht zuletzt bei der Einstellung der Inder zu Geld. Früher sparten die Leute, weil sie ständig eine Katastrophe erwarteten. Die jungen Leute, die in der IT-Branche arbeiten, sehen die Zukunft dagegen positiv. Sie wollen mehr erreichen, mehr verdienen, mehr konsumieren. Sie informieren sich ständig, lesen Zeitung, gucken viel Fernsehen, saugen alles Neue gierig auf - von neuer Technik bis zu neuen Modetrends. Sie wollen sich hocharbeiten, ihren Lebensstil weiter verbessern. Das ist es, worum es der Mittelschicht geht. Und das wird einer der wichtigsten Motoren der indischen Wirtschaft bleiben.“
Ashwini Gaur, 23 Jahre alt, Angestellter im Call Center Auf dem Parkplatz des Call Center Wipro Spectramind mitten in Gurgaon stehen schicke Autos und neue Motorräder. Direkt neben dem Eingang macht eine Mobiltelefonfirma in einer kleinen Bude Werbung. Im Keller des Wipro-Gebäudes sitzt Ashwini Gaur an einem schlichten Kiefernschreibtisch und telefoniert: auf dem Kopf ein Headset, vor ihm ein Computer, je anderthalb Meter rechts und links von ihm der nächste Kollege. Ein Summen erfüllt den Raum, an der Wand hängen zwei Uhren: In Indien ist es 17 Uhr nachmittags, in Großbritannien 11.30 Uhr vormittags. „Der Call-Center-Boom ist ein Segen. Ich habe Wirtschaft studiert und wollte eigentlich im Marketing-Sektor arbeiten. Doch als ich vor einem halben Jahr mit dem Studium fertig war, sprachen alle davon, wie gut die Aufstiegschancen in Call Centern sind. Ich rede gern mit Leuten, also dachte ich, das passt doch zu mir. Ein paar Tage, nachdem ich meinen Lebenslauf ins Internet gestellt hatte, kam ein Angebot. Meine Kollegen sind supercool, die meisten Anfang 20 und gerade mit der Uni fertig. Ich fange erst nachmittags an zu arbeiten, weil ich Firmen in Großbritannien anrufe, um Informationen über sie zu aktualisieren, zum Beispiel die Geschäftsadresse oder die Namen und E-Mail-Adressen der Abteilungsleiter. Als ich hier angefangen habe, musste ich in einem siebentägigen Sprachkurs einen britischen Akzent lernen. Manchmal fragt mich am Telefon jemand, ob ich gebürtiger Brite bin, aber meistens merken die Leute nicht mal, dass ich in Indien sitze. Sollen sie ja auch nicht. Darum nenne ich mich Gavin, sobald ich Briten an der Strippe habe. Rund sechs bis acht Anrufe mache ich in der Stunde, das macht 240 bis 320 in den 40 Stunden, die ich in der Woche arbeite. Je mehr man schafft, desto höher ist der Bonus. Ich verdiene hier als festes Einstiegsgehalt im Monat 190 Euro (etwa 10000 Rupien), viel mehr als im Marketing. Ich habe 30 Tage Urlaub, das ist in Deutschland fast normal, habe ich gehört, in Indien ist das jedoch totaler Luxus. Wenn wir wollen, holt uns die Firma jeden Tag kostenlos ab und bringt uns wieder nach Hause. Das Kantinen-Essen ist umsonst. Ich wohne noch bei meinen Eltern, das ist in Indien ganz normal. Die wollen auch keine Miete oder so. Alles, was ich verdiene, kann ich für mich ausgeben. Meine Freunde und ich gehen oft ins Kino. Ein paar studieren noch, für die zahle ich dann natürlich die Tickets. Ich bin für sie fast so was wie ein Held. Am meisten gebe ich für mein Handy aus, so 19 bis 38 Euro im Monat. Alle drei bis vier Monate kaufe ich mir ein neues. Das ist meine große Leidenschaft. Bis vor kurzem hatte ich ein Siemens-Modell, jetzt bin ich auf Nokia umgestiegen, die sind immerhin Marktführer. Das Telefon kostete mich 285 Euro, aber es liegt gut in der Hand und hat die neueste Technik mit eingebauter Kamera, Web-Zugang, alles, was man so braucht. Bald will ich mir auch ein besseres Motorrad kaufen. Im Moment habe ich aber noch ziemlich hohe Schulden aus meinen Handy-Käufen. Ich spare kein Geld. Mein Motto lautet: Wie gewonnen, so zerronnen. Klar habe ich eine Kreditkarte. Fast jeden Tag rufen Banken an und wollen mir alles Mögliche unterjubeln, zum Beispiel noch mehr Kreditkarten und Darlehen: Ob ich vielleicht Geld brauche für ein Auto oder ein Haus? Was die mir alles finanzieren wollen! Im Moment verdiene ich zwar gut, aber für ein Haus würde es echt noch nicht reichen. Das kommt aber auf jeden Fall später. In den nächsten fünf bis zehn Jahren will ich Karriere machen. Vielleicht arbeite ich noch zwei Jahre in meiner aktuellen Position, dann will ich zum Call-Center-Manager aufsteigen. Da verdient man 1300 bis 1900 Euro im Monat. Doch eigentlich sehe ich mich als Unternehmensgründer. Wenn ich mehr Geld verdiene, werde ich sparen, als Starthilfe, um mich selbstständig zu machen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich in zehn Jahren mein eigenes Geschäft habe.“
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