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Ausgabedatum: 01.12.2002

Wirtschaft

Indiens Wirtschaft segelt in stürmischer See

Von Jürgen Neitzel

Der indische Finanzminister Jaswant Singh hat momentan wenig Grund zur Freude. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IMF) wird das indische Wirtschaftswachstum auch dieses Jahr nicht stark genug ausfallen, um die Armut im Land zu reduzieren.

Für das Haushaltsjahr 2002/2003 (März-März) erwarten der IMF und die indische Regierung ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von ca. 5-5,5 %. Dies ist zwar im Vergleich zu anderen Ländern und angesichts der weltwirtschaftlichen Schwächeperiode ein beachtlicher Wert; er liegt jedoch deutlich unter den notwendigen 8 % Wachstum, die benötigt werden, um die Armutsrate im Land weiter zu senken.

Gleichzeitig wurde die Kreditwürdigkeit des Landes von der Rating-Agentur Standards & Poor herabgestuft. Indiens Staatsanleihen besitzen jetzt den Status von "Junk Bonds (Schrott-Anleihen)". Kurzfristig sind keine negativen Auswirkungen zu erwarten. Denn die Mehrheit der Anleihen notieren nicht in Dollars, sondern in Rupien und werden größtenteils im Inland verkauft. Doch der Imageschaden könnte sich mittelfristig als schlimmer erweisen, besonders im Wettbewerb um Auslandsinvestitionen.

Das indische Finanzministerium reagierte auf die Herabstufung mit Unverständnis. "Die Verschlechterung unserer Kreditwürdigkeit ist nicht gerechtfertigt", schnaubte Jagdish Shettigar, Mitglied im wirtschaftlichen Beraterstab des Premierministers.

Er verweist darauf, das Indiens Auslandsreserven mit 62 Mrd. US$ eine der höchsten in der Welt seien. Zudem sei die Inflationsrate mit ca. 4 % unter Kontrolle und das Wirtschaftswachstum robust. Das indische Kabinett verabschiedete Ende Oktober den neuen 5-Jahresplan, der ein jährliches Wachstum von 8 % und die Schaffung von 50 Millionen Jobs vorsieht.

Auch wenn Indien sicher nicht vor einer Krise "a la Argentinien" steht, hat sich an den strukturellen Problemen der Wirtschaft nichts geändert. So kritisieren die internationalen Wirtschaftsorganisationen zurecht die hohe interne Verschuldung des Landes.

Die Einnahmen der indischen Regierung reichen bereits heute nicht aus, um den Schuldendienst zu leisten. Das bedeutet, Indiens Regierung muss jährlich neue Kredite aufnehmen, um weiterhin die Schulden zurückzahlen zu können. Der Wert der internen Verschuldung macht 80 % des Bruttoinlandsprodukts aus, das ist höher als in Argentinien, Brasilien oder der Türkei.

Zum Glück für Indien notieren die Inlandsschulden in Rupien und die externen Schulden sind relativ niedrig. Eine Schuldenkrise ist daher nicht zu befürchten. Doch sind die "Nebenwirkungen" der hohen Inlandsschuldung bedenklich: hohe Zinsen und fehlende Ressourcen, um die Infrastruktur des Landes zu verbessern.

Indische Ökonomen fordern deshalb das Einfrieren der Ausgaben sowie die Verabschiedung des sogenannten "Fiscal Responsibility Gesetzes", das die Regierung und die Bundesstaaten zur Sparsamkeit verpflichtet. Zudem soll die Attraktivität des Standortes Indien für ausländische Investititonen gesteigert und die Privatisierung der Staatsbetriebe vorangetrieben werden.

Bedenklich: der Privatisierungs-Motor ist ins Stocken geraten, der politische Widerstand wächst. So mußte Premierminister Vajpayee den Verkauf von Anteilen an zwei großen indischen Ölfirmen um drei Monate verschieben. Die Privatisierungs-Gegner haben sich um den Ölminister Ram Naik, Verteidungsminister Georges Fernandenz und den BJP-Hardliner Murli Manohar versammelt. Premierminister Vajpayee warnte bereits: "Eine 'Anti-Reform' Atmospäre wird gegenwärtig erzeugt. Dies ist nicht im Interesse des Landes".

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