|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Ausgabedatum: 19.12.2001 |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Innenpolitik |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Anschlag auf das indische Parlament Beziehungen zwischen Indien und Pakistan erreichen einen neuen Tiefpunkt Erstmalig wurde seit der Ermordung der damaligen Premierministerin Indira Gandhi im Jahre 1984 wieder das unmittelbare Regierungszentrum Indiens zur Zielscheibe von terroristischen Aktivitäten. Fünf als pakistanische Staatsbürger identifizierte Personen verschafften sich gegen 11.45 Uhr des 13. Dezembers mittels eines weißen Autos der Marke "Ambassador," das gewöhnlich von Regierungsmitgliedern benutzt wird, Zugang auf den unmittelbaren Vorhof des Parlamentsgebäudes. Sie wurden jedoch erkannt und eröffneten, wohl abweichend vom ursprünglichen Plan, unmittelbar das Feuer, um sich so Zugang in das Parlament zu verschaffen. Es folgte ein etwa halbstündiger Schußwechsel mit den Sicherheitskräften. Bei diesem starben innerhalb der ersten sechs Tage insgesamt 14 Personen, eingeschlossen die fünf Angreifer. Die Vorgehensweise der fünf Terroristen offenbarte nach Meinung indischer Sicherheitsexperten eine schlecht vorbereitete und durchdachte Operation. Die Terroristen waren unerfahren und verfügten über eine geringe Ortskenntnis. Mitglieder der indischen Regierung, die im Gebäude anwesend waren, seien tatsächlich nicht gefährdet gewesen. Bild: Indische Proteste gegen den Terroranschlag auf das Parlament (BBC Online)
Einer der fünf Angreifer war demnach ein Entführer der "Indian Airlines"-Maschine von Katmandu nach Kandahar im Dezember 1999. Damals war im Austausch für die Passagiere die Freilassung des jetzigen Begründers der Jaish erzwungen worden. Jaish und Lashkar gehörten unzweifelhaft zum Netzwerk der Taliban/Al-Qaida. Nur das taktische Einverständnis des pakistanischen Geheimdienstes, der bereits die Taliban in Afghanistan aufgebaut habe, ermögliche beiden Organisationen das ungehinderte Handeln. Indien beschuldigte daher Pakistan, eigentlich hinter dem Anschlag vom 13. Dezember zu stehen. Die Reaktionen in Delhi ließen in den ersten Tagen nach dem Anschlag daher einen neuen Krieg zwischen beiden Staaten wieder wahrscheinlich werden. Neu-Delhi forderte Islamabad auf, unverzüglich gegen beide Terrorgruppen vorzugehen. Innenminister L. K. Advani sagte, daß Indien den Anschlag nicht als einen weiteren in der 12-jährigen Geschichte der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen um den Unionsstaat Jammu und Kashmir ansehe, sondern daß über eine "angemessene Reaktion" entschieden werde. Hindu-extreme Parteien und Organisationen wie RSS, VHP und Shiv Sena, aber auch der Sprecher der Regierungspartei, der BJP, Malhotra, waren weniger zurückhaltend. Indien solle sich ein Beispiel an den USA nehmen und gegen die Terrorlager in Pakistan militärisch vorgehen, hieß es hier. Pakistan indes wies die Anschuldigungen zurück und warnte Indien vor Abenteurertum. Es verlangte von Indien Beweise und zeigte seine Bereitschaft, eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse zu unterstützen. Die USA selbst riefen zur Zurückhaltung auf. Jedoch war ihre Haltung nicht logisch. Sie selbst müssen sich schon die Frage gefallen lassen, wieweit sie die jetzt entstandene Situation zwischen beiden Atommächten mit verantwortet haben. Denn wie wollen sie es Indien verdenken, militärisch vorzugehen, wenn sie selbst eine kriegerische Jagd auf Osama bin Laden seit dem 11. September vollführen? Unzweifelhaft hat ihr unmittelbares kriegerisches Eingreifen in der Region die Spannungen zwischen Indien und Pakistan erhöht. Beide Staaten versuchten, Kapital aus dem US-amerikanischen Engagement zu schlagen und wetteiferten um dessen Gunst. Die USA schienen hingegen keine weitergehende Konzeption zu haben, sondern eröffneten indes allen möglichen politischen Entwicklungen in der Region Tür und Tor. Momentan scheinen die Stimmen der Vernunft in Indien die Oberhand zu behalten. Bereits fünf Tage nach dem Anschlag auf das Parlament wurde die öffentliche Stimmung ruhiger. Nach Ansicht vieler Beobachter ist ein militärischer Konflikt als Antwort auf den 13. Dezember weniger wahrscheinlich. Eine Verlagerung von Armeeeinheiten an die Grenze zu Pakistan konnte nicht beobachtet werden. Welche unmittelbaren Entwicklungen auch immer folgen werden, so zeigt sich doch, daß das Krisenpotential und die Kriegsgefahr insgesamt in Südasien in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben. Auch die in Indien regierende Bharatiya Janata Party hat diese Stimmung angeheizt.
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Fragen oder Kommentare zu dieser Web-Seite an: webmaster@indien-newsletter.de
|
||