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Ausgabedatum: 07.04.2003

Gesellschaft

Zeitungsmeldung (frontline) 14.10.2002
10 Millionen Adivasi sollen aus den Wäldern verschwinden

CARR hilft indischen Kondh ihren Lebensraum im Bundesstaat Orissa zu bewahren

Von Detlef Stüber
Indien-Referent bei der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, Berlin

An den Gemeinderatswahlen hatten sich viele Menschen aus den Adivasi-Dörfern zum ersten Mal beteiligt. Die Organisation CARR (Centre for Action and Rural Reconstruction) hatte ihnen verständlich gemacht, dass sie als ehemalige Waldbewohner vom Stamm der Kondh, durch Einflussnahme auf die Gemeinderäte für ihr Überleben eintreten können.

Es hatte lange gedauert, bis sie bereit waren, gegen uralte Traditionen, gegen die regionalen Eliten und gar gegen Staatsbeamte anzutreten. Sie hatten unabhängige Kandidaten aufgestellt, sogar etliche Frauen waren zur Wahl angetreten und hatten nun viele Sitze in der Region Kalya-Forest gewonnen. Zum Treffen in dem kleinen Gemeindezentrum von Badakambilo hocken sie auf dem Boden. Einige kommen mit grosser Verspätung. Bei ihrem 15 km langen Fußmarsch mussten sie wegen wilder Elefanten große Umwege gehen.

Sie alle wollen den Ratsvorsitz nun an eine Frau vergeben. Aber die bisherigen Machthaber, die in den grossen Marktdörfern wohnen, ziehen alle Register, um das zu verhindern. Sie haben bereits einige Bestechungsversuche unternommen und Beamte haben sogar versucht, die Wahl annullieren zu lassen. Die Wahl sei ungültig, weil noch nie so viele Kondh gewählt hätten!


Waldschutz - notfalls auch gegen den Staat
Von solchen korrupten Beamten hören die Kondh, die häufig in den Wäldern nach Nahrung und Einkommensmöglichkeiten suchen, immer dann, wenn diese wieder einmal Holzhändlern erlauben, die geringen Waldbestände noch zusätzlich zu plündern. Oder wenn sie die ehemaligen Waldmenschen beim Verkauf von Waldprodukten behindern, statt ihnen zu helfen. Und nun - so haben sie gehört - will die indische Bundesregierung auch noch per Gesetz ermöglichen, dass bei kommerziellen Interessen an dem Wald, Vertreibungen jederzeit möglich sind. Sollte dieses Gesetz tatsächlich verabschiedet werden, würde sich die Situation weiter zuungunsten der Kondh und damit auch des Waldes verschlechtern.

Um das System von Ausbeutung, Unterdrückung und Verdrängung zu durchbrechen, haben die Kondh mit Unterstützung von CARR begonnen, ihre Interessen selbst zu vertreten. Sie bewachen heute ca. 50 Hektar Wald, damit niemand ihn schädigen kann. Zu verheerend sind bereits die Auswirkungen der Abholzungen. Anhaltende Trockenheit und Überschwemmungen sind nur die auffälligsten Zeichen eines ruinierten Lebensraumes. Selbst Trinkwasser ist mittlerweile in manchen Dörfern knapp geworden.

Die Abgelegenheit der Dörfer erschwert viele Arbeiten. Oftmals sind Wege monatelang unpassierbar. Nachrichten verbreiten sich viel langsamer. Dass es gesetzlich verbriefte Rechte für die Menschen in diesen Dörfern gibt, hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen. Viele Menschen halten Krankheiten und ökologische Veränderungen für gottgewollt. Dass Frauen gleichberechtigt und öffentlich mit den Männer diskutieren, ist für viele Neuland. Oft genug heisst es:”Früher ging doch auch alles seinen traditionellen Gang, und der Wald und die Götter haben gut für den Fortbestand aller gesorgt.”


Traditionen zukunftsfähig machen
Mit Hilfe von CARR konnten engagierte Kondh dennoch Veränderungen erreichen. In einigen Dörfern werden bereits Kinder neben der Tradition der Kondh auch in der Sprache und den Gesetzen des Bundesstaates Orissa unterrichtet. Nur so wird ihnen zukünftig ein Bestehen in dieser Gesellschaft möglich sein.

Auch die Erwachsenen treffen sich in den Schulen, um wirksame Aufklärung gegen Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Polio einzuleiten. Oder, um für die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts zu kämpfen bzw. um eine gerechte Verteilung der Waldnutzung zu besprechen. Mit kleinsten Geldbeträgen wurden Spargruppen begonnen, die heute staatliche Kleinkredite beantragen dürfen. In Verbindung mit "Geschäftsideen", wie der gemeinsamen Korbflechtereien, wird die finanzielle Basis verbessert.

Im Kalya-Forest werden die Kondh zukünftig Einfluss auf die Entwicklungs- und Regierungsmassnahmen in ihrer Region nehmen. Dass jeder dieser Schritte gegen den Widerstand anderer Interessenskreise durchgesetzt werden muss, haben die Männer und Frauen längst erkannt. Gemeinsam mit CARR arbeiten sie daran, ein menschenwürdiges Überleben für sich zu ermöglichen.

Wer das Projekt unterstützen möchte, wendet sich direkt an die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt: http://www.aswnet.de

 

 

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