|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Ausgabedatum: 01.12.2002 |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Gesellschaft |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Vom täglichen Überlebenskampf in einer Männergesellschaft Die indische Frauenorganisation ISWO aus Dhenkanal Von Detlef Stüber Dhenkanal ist eine durchschnittliche indische Kleinstadt im Bundesstaat Orissa, ca. 150 km von der Küste und 300 km von Kalkutta entfernt. Wie in jeder indischen Stadt gibt es hier die Wohnviertel der Reichen, die der Händler und etwas abseits die Wohngegenden der unteren Kasten. Verstreut dazwischen liegen die offiziell verbotenen, aber zeitweise tolerierten Slums, in denen das Heer der schlecht bezahlten Dienstboten eine Bleibe findet. Fast 40% der Bevölkerung leben in kaum zumutbaren Behausungen. Von dieser Armut am stärksten betroffen sind die Frauen. Neben der schlechten Ernährung, Bildung und Gesundheitsversorgung, müssen sie sich täglich vor möglichen Gewalttätigkeiten schützen. Ohne anerkannte Rechte versuchen sie als Dienstmagd, Putzfrau, Tagelöhnerin oder Strassenkehrerin das Überleben ihrer Kinder zu sichern. Die Hausarbeit, die Versorgung der Kinder und der Kampf um das Dach über dem Kopf, kommen noch hinzu. Ihre Männer sind häufig alkoholabhängig und oft haben sie ihre Arbeitskraft auf lange Zeit verpfändet. In betrunkenem Zustand tyrannisieren sie Frauen und Kinder. Notfalls mit Gewalt ... Bild: Die drei Gründerinnen der ISWO
Der Alkoholhandel geschah nun heimlich. Die Frauen versuchten die Alkoholtransporte abzufangen und diese der Polizei zu übergeben. Es erforderte massiven Druck seitens der Frauen, bevor die Polizei überhaupt bereit war, ihre Anzeigen aufzunehmen. Durch die Aktionen wurde eine breite Öffentlichkeit geschaffen und in der Presse wurde darüber berichtet. Die an ISWO gerichteten Drohungen wurden immer massiver. Die Frauen wagten sich nur noch in kleineren Gruppen auf die Strasse zu gehen. Als bei einem fingierten Notfall Puspanjali Jena beinahe in den Hinterhalt einer Gruppe bewaffneter Männer geraten wäre, sahen die Frauen keine Möglichkeit, diese Strategie weiter zu verfolgen. ... aber rechtzeitig die Strategie wechseln Kasten Über die Jahre haben sich die Arbeit und das Engagement der Gruppe in und um Dhenkanal herum gesprochen. Ihr wurde im vergangenen Jahr sogar eine nationale Auszeichnung verliehen. Wenn heute irgendwo eine Frau bedroht wird, werden die ISWO-Frauen schnell zu Hilfe gerufen. So auch, als die 18-jährige Sonjunata versuchte, sich das Leben zu nehmen. Als Hausangestellte bei einem pensionierten Beamten war sie von ihrem Arbeitgeber, von dessen Sohn, einem Polizeioffizier, sowie von deren Angestellten vergewaltigt worden. Die ISWO-Frauen nahmen Sonjunata bei sich auf und ermutigten sie, den Fall zur Anzeige zu bringen. Die Polizei als Gegner Nur durch den beherzten Rückhalt vieler durch ISWO unterstützter Frauen konnte die Situation so lange durchgehalten werden. Für Sonjunata wurde der Druck jedoch immer unerträglicher. Nach dem zweiten Gerichtstermin zog sie die Anzeige zurück und nahm ein Entschädigungs- und Arbeitsangebot der Gegenseite an. Heute wohnt sie bei ihren Eltern, möchte aber gerne zu den ISWO-Frauen ziehen, weil sie sich dort sicherer fühlt. Wir könnten in unzähligen Fällen aktiv werden So auch dem jungen Mädchen, das gegen ihren Willen an einen geistig behinderten Mann verheiratet werden sollte. Die Eltern hatten - wie schon bei ihrer Schwester - keine größere Mitgift aufbringen können und das Mädchen schnellstmöglich als billige Arbeits- und Pflegekraft für den Mann abgeben wollen. Nach Gesprächen mit den Eltern wurde vereinbart, mit einer Verheiratung noch einige Jahre zu warten. Veränderung auch in den Dörfern Selbst von den SlumbewohnerInnen werden sie als rückständig verachtet. Wie schon in den Slums von Dhenkanal organisieren die Frauen auch hier Workshops über Geschlechterrollen, Alkohol, Gesundheitsfragen, neue Einkommensmöglichkeiten und bieten Hilfe für kleine Spargruppen an. Vor allem aber ermöglichen sie einen ungestörten Austausch. Denn eines ist klar: Nur wenn die Frauen sich gegenseitig unterstützen, nur wenn sie ihre Rechte und Möglichkeiten kennen, nur wenn sie ihre Lebenssituation als Unrecht empfinden, können sie für Veränderungen eintreten. Mit Kleidern Rollen tauschen Wer das Projekt unterstützen möchte, wendet sich direkt an die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt: http://www.aswnet.de
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Fragen oder Kommentare zu dieser Web-Seite an: webmaster@indien-newsletter.de
|
||