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Ausgabedatum: 07.04.2003 |
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Kolumne - Indien: Ein Blick von unten |
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Warum ein Blick von unten so wichtig ist! Es ist wohl nahezu unmöglich, Indien in seiner ganzen Vielfalt allein auf den Ebenen seiner politischen und wirtschaftlichen Oberflächen zu verstehen, ungeachtet von tieferen Einsichten in seine Kulturen und Religionen. Das Wissen über diesen Vielvölkerstaat hat sich zwar national sowie auch international in den letzten zwei Jahrzehnten und insbesondere auch nach der 1991 eingeschlagenen Wirtschaftsliberalisierung erheblich verbessert, trotzdem haftet vielen Analysen noch allzusehr die Sicht von "oben" an. Sie werden immer noch weitgehend von den oberkastigen Meinungsbildnern in Wissenschaft, Presse und Kultur vorgegeben. Innerhalb der jüngeren Generation z. B. deutscher Sozialwissenschaftler/innen gibt es jedoch beachtliche neuere Forschung und Analysen, die dazu zumindestens auch aus verwertungsorientierten deutschen/europäischen Interessen und Werten beachtliche Gegengewichte setzen könnten. Durch ihre informellen Netzwerke sitzen die Mitglieder der oberen Kasten und dabei insbesondere die "Brahmanen", traditionell die Priester- und Gelehrtenkaste, in Schaltpositionen der Vereinten Nationen und in anderen von den Steuerzahlern dieser Welt finanzierten Organisationen in Indien. Wir "Westler" aus einer scheinbar postmodernen Welt erkennen uns in ihnen wieder. Sie bestechen in ihrer englisch-sprachigen Eloquenz. Es haftet ihnen nicht der "Stallgeruch des gemeinen Volkes" an. Ihre Frauen und Töchter, ausgebildet in den teueren, exklusiven sowie privilegierten Schulen und Colleges der Elite und Mittelschichten, vermitteln ein Gefühl von orientalischem Flair und Exotik, ja selbst "gender" und "empowerment" kommen dabei nicht zu kurz. Die wenigen Stimmen der "Subalternen" werden kaum gehört. Sie gehen unter in der orchestrierten Kakophonie und den Mantras jener, die seit Jahrtausenden über das Erklärungsmonopol in dieser Gesellschaft mit ihren vielen Teilgesellschaften verfügen. Trotzdem, Indien wandelt sich, es findet eine "lautlose Revolution" statt, die allerdings zwischen den bewußt initiierten Wogen religiöser und kommunalistischer Auseinandersetzungen immer wieder um ihre Konturen bangen muß. Es gibt keine wirklichen Dialogformen zwischen den verschiedenen Segmenten der Bevölkerung. Die "unteren" Schichten und Kasten des Volkes trauen den Versprechungen jener nicht mehr, die den Reichtum und die Wirtschaft des Landes weitgehend kontrollieren, zu oft sind sie seit der Unabhängigkeit enttäuscht worden. Auch haben sie ihre Diskriminierungen vor der Unabhängigkeit nicht vergessen. Indische Politiker rangieren ganz unten in der Skala der Wertschätzungen. Der hohle Populismus ohne nennenswert vorzeigbare Ergebnisse seitens der Regierenden scheint sich tot gelaufen zu haben. Was wird jedoch an seine Stelle treten? Indien ist ein Land, in dem der Begriff der "strukturellen Gewalt" einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirklichkeit entspricht. Wer sind die Opfer dieses Gewaltverhältnisses? Allein 207 Millionen Inder/innen hungern nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in New Delhi bzw. sie sind unterernährt. Die Herrschenden, auch in der Wissenschaft und unter der großen Mehrzahl der Nichtregierungs-Organisationen, nennen sie larmoyant "die Armen". Angesprochen darauf, daß die Opfer dieses Systems weit überwiegend doch genauer als "Dalits" ("Unterdrückte") und "Adivasis" ("Ursprungsbewohner") - in Indien im besten Stil der alten Imperialisten und Kolonialisten mit herablassendem Unterton immer noch fröhlich als "Stammesbewohner" benannt - zu beschreiben wären, werden sie auf einmal schwerhörig und bemühen semantische Ausflüchte. Es ist wie eine intellektuelle Gummiwand. Ziel dieser Kolumne ist es, uns wenigstens etwas von der Fixierung auf die Erklärungen der Herrschenden in Indien zu befreien und uns mit mehr Empathie jenen zuzuwenden, die bereits um ihre Emanzipation kämpfen bzw. immer noch Opfer der vorherrschenden Verhältnisse sind. Es wird nicht immer ganz einfach sein, völlig authentische Stimmen zu zitieren, aber der Versuch soll jedenfalls unternommen werden. Es erscheint mir darüber hinaus wichtig zu sein, durch diese zusätzliche Perspektive von unten ein wirklich ganzheitliches Verständnis der indischen Gesellschaft und ihres Herrschaftssystems zu erwerben. Unangenehme Fragen sollten zumindestens formuliert werden. Verglichen mit seiner Ausgangsbasis nach dem Ende des britischen Kolonialismus hat das unabhängige Indien in vielen Bereichen sehr viel erreicht. Auch die Alphabetisierung hat sich verbessert, trotzdem haben noch große Teile der Heranwachsenden keinen Zugang zu guter Erziehung, wegen der schlechten Qualität der Regierungsschulen gibt es hohe "Drop-out"-Raten. Der Existenzkampf um das wirtschaftliche Überleben zwingt viele Millionen Kinder in ausbeuterische Kinderarbeitsverhältnisse. Sie werden ihrer Kindheit beraubt. Dr. Manmohan Singh, der allgemein als integer angesehen frühere indische Finanzminister und Wegbereiter der Wirtschaftsliberalisierung, sagte als Antwort auf meinen Verweis auf diese Verhältnisse während einer öffentlichen Veranstaltung: "Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß der hohe Anteil an Analphabeten in diesem Land eine Verschwörung der Elite darstellt."
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