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Ausgabedatum: 10.05.2004 |
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Brief aus Indien: Brief 1: Deutsche
Manager am Narmada-Fluss |
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Indische Umweltschützer ließen mich wissen, ein großer deutscher Elektrokonzern plane, einen Staudamm über den Narmada-Fluss in Zentralindien zu bauen. Na prima, werden die meisten Zuhörer nun denken, da helfen wir Deutschen den Indern auf saubere Art mehr Strom zu produzieren und sichern gleichzeitig Arbeitsplätze in Deutschland. Mich hat diese Nachricht dagegen überrascht und betroffen gemacht. Gerne verrate ich Ihnen warum. Der Narmada-Fluss ist einer der letzten halbwegs intakten Binnengewässer in Indien. Er wird von Hindus als Göttin verehrt, und seit Jahrhunderten pilgern die Gläubigen entlang seiner mit tausenden Tempeln verzierter Ufer. Der eintausendunddreihundert Kilometer lange Strom soll nach dem Willen von Regierungsplanern mithilfe von dreißig Großstaudämmen und hunderten kleinerer Wehre gezähmt, sein Wasser in Dürregebiete umgeleitet und zur Stromgewinnung genutzt werden. Doch seit fünfzehn Jahren protestieren die Bewohner des stellenweise malerischen Flusstals gegen die Überflutung ihrer Dörfer und Äcker. Die Erfahrungen mit bereits vollendeten Großstaudamm-Projekten lehrt sie, dass die Mehrheit der von Haus und Hof Vertriebenen im Elend endet. Indien hat seit der Unabhängigkeit im Jahre 1947 mehrere tausend große Staudammprojekte initiiert. Dadurch wurde nicht nur Strom und Wasser für die Landwirtschaft gewonnen, sondern auch über 15 Millionen Menschen entwurzelt. Da es hier keine verbindlichen Regelungen für die Entschädigung und Rehabilitation derjenigen Menschen gibt, die ihre Lebensgrundlagen für den Fortschritt des Landes opfern müssen, enden die meisten als Tagelöhner auf Baustellen oder als Bettler auf den Straßen einer Großstadt. In der Hoffnung, sich ein ähnliches Schicksal ersparen zu können, schließen sich Bäuerinnen und Bauern am Narmada-Fluss seit den achtziger Jahren zu Protesten zusammen. Frauen nehmen eine prominente Rolle in der von der Sozialwissenschaftlerin Medha Patkar geführten "Bewegung zur Rettung der Narmada" ein. Demonstranten besetzen Baustellen, blockieren Straßen, veranstalten Sitzstreiks vor Regierungsgebäuden, schicken Klagen an die Gerichte. Ihr Zorn findet Widerhall in Bombay und New Delhi, in der ganzen Welt. Eine internationale Kampagne von Umweltschützern und Menschenrechtlern zwang 1993 die Weltbank, sich aus der Finanzierung der Staudämme zurückzuziehen. Könnten all diese Ereignisse den leitenden Herren des deutschen Konzerns entgangen sein? Können sie nicht, denn dieselbe Firma fiel vor wenigen Jahren schon einmal am Narmada-Fluss auf die Nase. Nahe der historischen Kleinstadt Maheshwar sollte von deutschen Banken finanziert, mit deutschen Steuergeldern versichert, ein Staudamm gegen den Willen der ansässigen Bevölkerung gebaut werden. Proteste deutscher Umweltschützer halfen nichts, die Bundesregierung gewährte tatsächlich eine Exportbürgschaft für das Projekt. Vor Ort herrscht heute Friedhofstille. Mehrmals besetzten Dorfbewohner die Baustelle, blockierten Zufahrtsstraßen und Amtsgebäude, um ihren Protest gegen die drohende Vertreibung kund zu tun. Der indische Partner der Deutschen ist in zahlreiche Korruptionsaffären verstrickt und in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Nun versucht also dieselbe deutsche Firma knapp 50 km aufwärts am selben Fluss, noch einmal ihr Glück. Schon ist das erste Dorf abgeräumt worden, die Bauarbeiten sollen in Kürze beginnen. Wissen das die Manager in München? Hier, meine verehrten Zuhörer, beginnt für mich das Wunder. Über solch eine unverfrorene Geschäftstüchtigkeit, über soviel kaltschnäuzige Ignoranz kann ich nur staunen. Glauben die Herren in deutschen Konzernzentralen ernsthaft, sie könnten einem Land helfen, indem sie Tausende seiner Bewohner ins Elend stürzen? Sollen deutsche Arbeitsplätze denn auf dem Rücken indischer Kleinbauern gesichert werden? Stellen wir uns so die Globalisierung vor? Ich bin sicher, auch in Deutschland wird es bald wieder Proteste gegen das Staudamm-Projekt am Narmada-Fluss geben. Dieser Beitrag beruht auf einem Hörfunk-Kommentar,
den die Deutsche Welle am 24.11.2003 ausgestrahlt hat |
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