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Ausgabedatum: 12.01.2001

Josef Winkler: Domra, Am Ufer des Ganges

Domra beschreibt in dichten Bildern nicht nur das Leben einer sozialen Gruppe, die zu den Outsiders der indischen Gesellschaft gehören, sondern die Lebenseinstellung einer gesamten Gesellschaft: hart und dennoch lebenswert.

 

Leseprobe
"Als die Sonne hinter den Häusern von Varanasi verschwunden war, der Halbmond in der Dämmerung deutlich sichtbar am blaurosa Himmel stand und sich im bleifarbenden, mit einem rosa Schimmer überzogenen Wasser des Ganges spiegelte, setzte ich mich neben einer schlafenden dürren weißbraungefleckten Hündin auf den großen, runden, in der Mitte des Harishchandra Ghat stehenden Einäscherungsaltarstein, auf dem noch weißgraue Asche, kleine Holzkohlestücke und die feinlöchrigen, mürben, weißen ausgebrannten Knochenreste einer jung verstorbenen Frau lagen, die an diesem Vormittag mit entblößtem Gesicht eingeäschert worden war."

Inhalt und Urteil:
Kein mit einem durchgehenden Handlungsstrang versehender Roman, auch kein Reisetagebuch im üblichen Sinne, sondern eine Aneinanderreihung stiller Momente der Beobachtung - dies charakterisiert Josef Winklers Buch "Domra - Am Ufer des Ganges" vielleicht am besten.

Winkler beschreibt Szenen aus dem Alltag der "Domra", der indischen Leichenverbrenner, denen in Varanasi, einer der heiligsten Städte Indiens, eine besondere Rolle zukommt. Als Mitglieder der Kaste der Unberührbaren, Außenstehende der reputierlichen Gesellschaft, unterstehen ihnen gleichzeitig die Verbrennungsstätten und die Beaufsichtigung des ewig brennenden Feuers, von dem die Scheiterhaufen Varanasis angezündet werden.

Winkler konzentriert seine Beschreibung damit zwar auf das Leben einer sozialen Gruppe, in das der westliche Tourist aber auch der Großteil der indischen Bevölkerung in der Regel keinen Einblick haben dürfte. Gleichzeitig erfolgt aber auch die Beschreibung einer indischen Gesellschaft, die - noch immer stark von einem schicksalsbestimmten Hinduismus geprägt - gerade bei dem westlichen Betrachter den Konflikt zwischen Faszination und abgestoßen sein geradezu heraufbeschwört. Winkler umgeht diesen Konflikt in seiner Darstellung, in dem er sich jeglicher Wertung enthält und sich auf die reine Beobachtung und Beschreibung beschränkt. Dies jedoch in einer so bildhaften, dichten und eindringlichen Weise, daß der Leser glaubt, am Ort des Geschehens zu sein - und den Konflikt zwischen angezogen und abgestoßen sein mit sich selbst klären muß. Lediglich durch seine eigenen Träume, an denen Winkler den Leser ab und an teilhaben läßt, erkennt man, daß auch ihn die Schizophrenie des Erlebten nicht unberührt läßt.

Und so ist es auch weder die Inhumanität, noch die Hoffnungslosigkeit, sondern die gnadenlose Realität in der Beschreibung einer Gesellschaft, die "Domra" zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis werden läßt -nicht nur für Indien-Kenner, sondern insbesondere auch für jene, die dieses faszinierende Land erst noch für sich entdecken wollen. (cr)

Info
Josef Winkler , Domra - Am Ufer des Ganges, Suhrkamp Taschenbuch 3094, Frankfurt/M. 2000, 19,90 DM, ISBN 3-518-39594-7

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