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Ausgabedatum: 19.12.2001

Ahmed Rashid - "Taliban"

Von Jürgen Neitzel

An diesem Buch wird in absehbarer Zeit kein politisch interessierter Leser vorbeikommen. Es dürfte auf lange Zeit "das" Standardwerk zu den Taliban sein.

 

Inhalt : Jahrelang hat der Westen den Ereignissen in Afghanistan kaum Beachtung geschenkt. Dann kam der 11. September und eine entsetzte Weltöffentlichkeit erfuhr, dass die Taliban das Land in eine Drehscheibe des internationalen Terrorismus verwandelt haben. Ohne diese sichere Zuflucht hätte Osama Bin Ladens Terrororganisation Al-Qaida ihre weltweiten Anschläge nicht planen und durchführen können. Doch unsere Kenntnisse um das Taliban-Regime sind allenfalls rudimentär.

Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid schließt nun mit einer hervorragenden Darstellung diese Wissenlücke. Umfassend informiert er den Leser über die Geschichte und Organisationsstruktur der Taliban sowie über deren rigide und menschenfeindliche Interpretation des Islam.

Die Taliban sind das Produkt eines nunmehr 22 Jahre dauernden Krieges. Sie begannen als Reformbewegung, die gegen die Exzesse, Verbrechen und Korruption im Land vorgehen wollten. Viele Afghanen sahen sie deshalb anfangs als Heilsbringer. Nach Jahren des Bürgerkriegs hofften sie auf Frieden und bescheidene wirtschaftliche Entwicklung.

Doch der Aufstieg der Taliban wurde auch massiv gefördert. Rashid schildert, wie Pakistan den Nachbarn Afghanistan unter seinen Einfluss bringen wollte, um im Kaschmir-Konflikt mit dem "Erzfeind" Indien "strategische Tiefe" zu gewinnen. Viele Militärbasen für Militante aus Kaschmir befinden sich in Afghanistan.

Zudem träumten Teile der politischen Elite Pakistans davon, einen "sunnitisch-muslimischen Raum zwischen dem ungläubigen 'Hindustan', dem ketzerischen (weil schiitischen) Iran und dem 'christlichen' Russland zu schaffen." Die sunnitischen Taliban sollten dafür das geeignete Werkzeug sein. Folgerichtig sind die Taliban in den pakistanischen Flüchtlingslagern und Madrassas (Koreanschulen) aufgewachsen. Geld sowie logistische und militärische Unterstützung bei ihrer Machtübernahme in Afghanistan erhielten sie vom pakistanischen Geheimdienst ISI.

Im "grossen Spiel" in Zentralasien geht es jedoch nicht nur um politischen Einfluss, sondern wie Rashid detailliert analysiert um Öl und Erdgas. So wollten die USA, Saudi-Arabien und Pakistan verhindern, dass die grossen Öl- und Erdgas-Vorkommen aus Zentralasien durch den Iran an den Persischen Golf transportiert werden. Alternativ strebte man den Bau einer Pipeline durch Afghanistan und Pakistan an die Küste des Indischen Ozeans an. Dafür brauchte man ein stabiles Regime in Afghanistan. Und die Taliban versprachen solche Stabilität.

Doch den "Puppenspielern" entglitt immer mehr die Kontrolle über ihre einstigen "Musterschüler". Die Taliban machten Afghanistan zum Zentrum eines weltweiten Terror-Netzwerks - die Voraussetzung für die Ereignisse des 11. September. Gleichzeitig destabilisierten die Taliban politisch und wirtschaftlich Pakistan. Ein radikal anti-schiitischer Islam droht das Land ebenso wie Afghanistan ins politische Chaos zu stürzen.

Fazit: Mit seinem Buch "Taliban" ist Ahmed Rashid ein hochspannendes Buch gelungen, das dazu beiträgt, das "Phänomen" der Taliban zu verstehen. "Das sachlich und journalistisch exakt recherchierte Buch wird wieder einen weniger emotionalen Ton in die Diskussion bringen", schreibt Heiko Flottau, Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, in seinem Vorwort. Und das gelingt Rashid vortrefflich. Besonders lobenswert ist auch der umfangreiche Anhang des Buches mit einer Chronologie der Taliban, Beispielen von Taliban-Verordnungen, geographischen Karten sowie einem Glossar afghanischer Begriffe. An diesem Buch wird in absehbarer Zeit kein politisch interessierter Leser vorbeikommen. Es dürfte auf lange Zeit "das" Standardwerk zu den Taliban sein.

Info
Ahmed Rashid: "Taliban - Afghanistans Gotteskrieger", Droemer Verlag, 2001, DM 38.92, ISBN: 3-426-27260-1

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