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Ausgabedatum: 24.01.2002

Newsletter Special: Krise in Südasien

Hintergrund

Der Dauerkonflikt zwischen Indien und Pakistan

Von Jürgen Neitzel

Seit mehr als 50 Jahren befinden sich Indien und Pakistan in einem Dauerkonflikt. Die "Erzfeindschaft" gründet sich auf ein unverarbeitetes Teilungstrauma und auf unterschiedliche Staatsideologien. Im Zentrum der Auseinandersetzungen befindet sich Kaschmir, das beide Seiten für sich beanspruchen. Die weltpolitischen Veränderungen nach dem 11. September haben die Lage weiter verschärft. Und diesmal ist die Staatengemeinschaft besonders alarmiert. Denn es besteht die Gefahr einer nuklearen Eskalation.

Das Teilungstrauma
Die Rivalität zwischen Indien und Pakistan geht auf die Teilung des Subkontinents 1947 zurück. Ein von Hindus dominiertes Indien steht seither dem Muslim-Staat Pakistan gegenüber. Die Gründung der beiden neuen Staaten wurde von gewalttätigen Ausschreitungen und Vertreibungen begleitet, die mehr als eine halbe Million Menschen das Leben kostete. "Die Wunden von damals sind bis heute nicht verheilt. Die Geschehnisse sind unvergessen und vielfach nicht überwunden, sie sind weder politisch noch emotional aufgearbeitet", urteilt der Politikwissenschaftler René Klaff.

Unterschiedliche Staatsideologien
Zudem belasten die sich gegenseitig ausschliessenden Staatsvorstellungen das bilaterale Verhältnis. Die von Pakistan postulierte "Zwei-Nationen" Theorie sieht in Hindus und Moslems zwei verschiedene Nationen. Beide Religionsgruppen hätten das Recht auf einen eigenen Staat. Demzufolge versteht sich Pakistan als Heimstätte für alle Muslime Südasiens. Dagegen definiert sich Indien als säkularer Staat, in dem die unterschiedlichsten Volksgruppen und religiösen Gemeinschaften friedlich zusammenleben sollen. "Aus der Sicht Indiens dürfte es Pakistan eigentlich nicht geben. Aus Pakistans Blickwinkel ist die Existenz Indiens eine fundamentale Herausforderung", urteilt der Friedensforscher Harald Müller.

Krisenherd Kaschmir
Brennpunkt des indisch-pakistanischen Konflikts ist die ungeklärte Frage der Zugehörigkeit Kaschmirs. Beide Länder halten am Anspruch auf das gesamte Territorium des ehemaligen Fürstentums fest. Die bisher bestehende Aufspaltung wird als nicht endgültig anerkannt. Pakistan fordert ein Referendum in dem Gebiet, das mehrheitlich von Muslimen bewohnt ist. Indien lehnt dies strikt ab, weil es Kaschmir als unverzichtbaren Bestandteil seines Staates betrachtet.

Karte: BBC Online


Hindu-Nationalisten fordern härteres Vorgehen
Die Lage hat sich nach dem 11. September deutlich verschärft. Die hindu-nationalistische Regierung in New Delhi sah die Chance gekommen, härter gegen terroristische Aktivitäten im indischen Teil Kaschmirs vorzugehen. Dort kämpfen militante Moslems für den Anschluss an Pakistan oder für die Unabhängigkeit. Dabei werden sie von Pakistan mit Waffen, Geld und Logistik unterstützt. In Indien häufen sich darum die Stimmen, die fordern, das Konfliktgeschehen aus dem indischen Kaschmir heraus nach Pakistan zu verlegen. Ebenso wie die USA hätte Indien das Recht auf Selbstverteidigung gegen "einen von Pakistan entfachten Staatsterrorismus". Der Anschlag auf das indische Parlament hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Außerdem befindet sich die indische Regierung vor wichtigen Landtagswahlen, die über ihren Fortbestand entscheiden könnten. Da können sich die Hindu-Nationalisten kein Nachgeben erlauben. Umgekehrt berührt die Kaschmir-Frage wie keine andere den nationalen Stolz der Pakistaner. Auf diesem Terrain muss Militärmachthaber Musharraf vorsichtig agieren, um sich nicht den Zorn des Volkes zuziehen. Ansonsten muss er damit rechnen, von Rivalen unter dem Vorwand der Islamfeindlichkeit oder des mangelnden Patriotismus hinweggefegt zu werden.

Gefahr eines Atomkrieges
Drei Kriege haben Indien und Pakistan bereits geführt - der vierte könnte in einer nuklearen Katastrophe enden. Beide Staaten verfügen über Atombomben und Mittelstreckenraketen. Zwar gilt auch auf dem Subkontinent der erste Grundsatz der atomaren Logik: Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter. Aber wer weiß, ob die Vernunft die Oberhand behält? Selbst wenn ja, ist ein Atomkrieg nicht ausgeschlossen. Denn Mechanismen, die eine unbefugte Nutzung oder einen unbeabsichtigten Abschuss von Atomwaffen verhindern, existieren nicht. Nicht umsonst bezeichnete der ehemalige US-Präsident Clinton Südasien bereits letztes Jahr "als die gefährlichste Region der Welt".

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