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Ausgabedatum: 28.12.2003

Gesellschaft

Bedrohung im Paradies

Die Andamanen-Völker im Indischen Ozean

Von Rainer Hoerig
Freier Journalist und Buchautor; www.rainerhoerig.com

Die Straße, die von der Hafenstadt Port Blair gen Norden durch das Zentrum der Insel Süd-Andaman führt, ist so gefährlich, dass jedes Fahrzeug von bewaffneten Polizisten begleitet wird. Mit einem grimmigen Wachtmeister zur Seite fahren wir in den Dschungel, einen der letzten Wälder, wo niemals Bäume gefällt wurden.

Hinter einer Kurve steht er plötzlich vor uns, mitten auf der Straße. Der Mann ist muskulös und schwarz wie Ebenholz, einen ganzen Kopf kleiner als ein durchschnittlicher Mitteleuropäer. Ein aus Bast und Blättern geflochtener Panzer schützt seine Brust. Um die Hüften trägt er nur ein rotes Stoffband. Seine Haut ist auffallend glatt und eben, ohne Poren, ohne ein einziges Haar.

Bild (Rainer Hoerig): Viele Andamanen-Völker sind vom Aussterben bedroht

Nur auf dem Kopf erkennen wir kleine Haarbüschel, die wie Pfefferkörner aussehen. Wie alle Jarawa hat er sich ein knallrotes Stoffband um den Kopf gewickelt. In der linken Hand trägt er einen zwei Meter langen Bogen und drei ebenso lange Pfeile mit Eisenspitzen.

Neugierig halten wir an. Dunkle, traurige Augen nehmen uns ins Visier, während sich ein starker Arm ins Wageninnere drängt. Hastig suchen wir Bananen aus der Plastiktüte und legen sie in seine Hände. Die Geschenke verschwinden im roten Hüftband und die Hand erscheint abermals.

"Banane, Banane!" verlangt der Mann. Mit nervösen Seitenblicken auf den Polizisten, reichen wir dem Jarawa so viele Bananen, wie er haben will. Als unsere Vorräte zur Neige gehen, nehmen wir gestenreich Abschied. Selbst wenn wir seine Sprache verstünden - worüber hätten wir uns unterhalten können?

Die kleine Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren, vor der Küste Burmas im Golf von Bengalen gelegen, politisch jedoch zu Indien gehörig, hütet einen besonderen Schatz der Menschheit.

Von der Geschichte links liegen gelassen konnten hier kleine Wildbeuter-Gemeinschaften nahezu ungestört ihre uralte Lebensweise pflegen. "Die vier Negrito-Völker sind bereits seit 35.000 Jahren auf den Andamanen-Inseln zuhause, vielleicht sogar seit 60.000," vermutet die Völkerkundlerin Carola Krebs, die beim Völkerkundemuseum in Leipzig eine der beiden Andamaner-Sammlungen in Deutschland betreut.

Die Volksstämme Jarawa und Nord-Sentinelesen ernähren sich bis heute von den Früchten des tropischen Regenwaldes. Mit Pfeil und Bogen machen sie Jagd auf Wildschweine, Reptilien und Vögel. Mit einfachen, aus Schlingpflanzen hergestellten Netzen fangen sie Fische, Krebse und Garnelen im seichten Wasser der Flüsse und der küstennahen See.

Bild (Rainer Hoerig): Die Andamanen - das bedrohte Paradies

Sie bauen keine festen Häuser und wandern weiter, wenn ein Waldstück nichts mehr zum Essen hergibt. Die Negritos repräsentieren einen der ältesten Zweige der Menschheit. Ihre Lebensweise beruht auf Traditionen, die bis in die Steinzeit zurückreichen.

Mit Waffengewalt traten die Negrito-Völker der Andamanen-Inseln Piraten, Wilderern und Sklavenhändlern entgegen, die gelegentlich die Inselgruppe überfielen. Zwei Gemeinschaften, die Groß-Andamaner und die Onge, machten Frieden mit britischen und indischen Besatzern, einen Frieden, den sie mit dem Verlust ihrer Jagdgebiete und der Dezimierung durch Krankheiten bezahlten, gegen die sie keine Abwehrkräfte besitzen.

Das Volk der Groß-Andamaner, einst fast zehntausend Seelen stark und Herren über die Hauptinsel Süd-Andaman, ist heute auf weniger als dreißig demoralisierte, von Regierungsbeamten und dem Alkohol abhängige Müßiggänger zusammengeschrumpft. Steht den Jarawa ein ähnliches Schicksal bevor?

Jahrhundertelang hatten sich die Jarawa mit Pfeil und Bogen gegen jeden Eindringling zur Wehr gesetzt. Auch den Bau der Überlandstraße "Andaman Trunk Road" mitten durch ihr Siedlungsgebiet, versuchten sie mit nächtlichen Überfällen und Sabotageakten zu verhindern. Doch nach jahrzehntelangen Kontakt-Missionen der Behörden gaben sie vor wenigen Jahren ihren Widerstand auf und erforschen nun die sogenannte "zivilisierte" Welt.

Vor allem jüngere Stammesmitglieder zieht die Neugier an die Straße. Dort halten sie Autos an und betteln um Bananen, Kekse, Kleider - ein äußerst gefährliches Abenteuer. Vor zwei Jahren nämlich schlitterte die nur rund 300 Menschen umfassende Gruppe knapp am Untergang vorbei: "Es gab eine Masern-Epidemie, die nahezu jeden Jarawa erfasste," berichtet der Umweltschützer Sameer Acharya, der sich für die Belange der Ureinwohner einsetzt. "Auf Grund ihrer langen Isolation besitzen sie gegen viele Krankheiten keine Abwehrkräfte."

Nur das schnelle und aufopfernde Eingreifen eines örtlichen Arztes habe den Untergang der Jarawa verhindert, so Acharya: "Ich hoffe nur, dass sie sich keine Hepatitis oder AIDS einfangen, das wäre ihr sicheres Ende. Je eher die Straße geschlossen, je eher ihnen die Jagdgründe zurückgegeben werden, desto besser stehen die Chancen für ihr Überleben."

Seitdem die Inselgruppe 1947 als koloniales Erbe in die Hände des freien Indien fiel, verfolgt die Regierung in New Delhi die wirtschaftliche Erschließung der Inseln. Der Lebensraum der Onge wurde in Ölpalmen-Plantagen umgewandelt. Ein Drittel aller Wälder sind bereits abgeholzt. Die Ansiedlung hunderttausender von Flüchtlingen führt regelmäßig zu militanten Auseinandersetzungen mit Negrito-Gemeinschaften, die sich als rechtmäßige Eigner und Nutzer der Regenwälder betrachten.

Bei Ankunft der britischen Eroberer zählten die Waldnomaden rund zehntausend Menschen. Heute ist die Zahl aller Negritos auf weniger als 500 zusammen geschrumpft. Allmählich, so scheint das Betteln der Jarawa zu signalisieren, weicht ihr Wille zum Widerstand und zur freiwilligen Isolation auf. Doch die kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung sind gewaltig groß, eine Integration ist also mit vielen Fragezeichen behaftet.

"Niemand kann eine fertige Lösung anbieten," resümiert der Kinderbuchautor Deepak Dalal, der sich zu Recherchen über das Leben der Jarawa lange auf den Inseln aufhielt. "Sollen wir diese Gruppen in den Hauptstrom der Gesellschaft absorbieren? Oder sollen wir sie so lassen, wie sie sind? Manche Leute sind der Meinung, die Jarawa sollten Hemden tragen wie wir, sie sollten zur Schule gehen, sie sollten dies und das tun. Andere stellen dies in Frage. Ist unsere Lebensart etwa die einzig Richtige? Die Jarawas sind doch glückliche Menschen, sie brauchen unsere Hilfe nicht. Sie sind eine der wenigen menschlichen Gemeinschaften, die sich bewusst von der Moderne fern halten. Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen haben sie bis heute überlebt."

copyright: dieser Text erschien ursprünglich in: KONTINENTE - Magazin für eine missionarische Kirche, Januar/Februar 2003

 

 

 

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