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Ausgabedatum: 30.07.2003

Indien kompakt

Indien kompakt - April bis Juni 2003

Von Klaus Julian Voll

Wasser-Krise und bedrohte Nahrungssicherheit
Indien verfügt über 4 % der weltweiten Frischwasserreserven. Trotzdem: "Wasser ist die größte Krise in Indien hinsichtlich ihrer Ausbreitung und Schärfe, eine von drei Personen ist betroffen." ( India Today, 9. 6. 2003) Der schlechte Monsun 2002 und die Dürre in verschiedenen Landesteilen demonstrierten die Anfälligkeit der indischen Landwirtschaft. In neun Staaten gibt es massiven Wassermangel, auch in der Kornkammer Punjab. In 206 von 593 Distrikten ist der Grundwasserspiegel erheblich gefallen. In einem Land mit bereits 207 Mio. hungernden und unterernährten Menschen ist, trotz großer staatlicher Lagerbestände, die Nahrungssicherheit bedroht.

Die Wasserkrise in den Städten verschärft sich dramatisch. 12 große Städte erhalten nur ca. 70 % ihres täglichen Bedarfs. Große Flotten von Wassertankern garantieren landesweit eine kostspielige Notversorgung. In den nächsten 18 Jahren wird sich die städtische Bevölkerung von bislang 107 Mio. auf 202 Mio. in 2021 erhöhen.Die zur Verfügung stehende Wassermenge stagniert dagegen. "Das Resultat: Über 200 Mio. Menschen sind anfällig für Wasser-Kriege." Im wohlhabenden Süden von Delhi reichen die Bohrlöcher bereits bis zu 200 Meter tief. In Neubauvierteln der Mittelschichten gibt es Wasser für ganze 15 Minuten am Tag. Die Hauptstadt, am verseuchten Yamuna-Fluß gelegen, bezieht ihr Wasser aus 100 Kilometern Entfernung. Nach einer Studie der Weltbank gehen 30 % im Röhrennetzwerk wegen Undichten verloren. Gute Schlosser sind eine Rarität.

6 Ministerien befassen sich im Kompetenzwirrwarr mit Wasser. Wasser kostet praktisch nichts, deshalb gehen die Konsumenten unachtsam damit um. Andererseits ist abgepacktes Trinkwasser eine Wachstumsbranche mit Milliarden-Umsätzen. Traditionelle Systeme des Wassermanagements werden vernachlässigt. Fehlende Wasserreservoirs und ein ungenutztes Bewässerungspotenzial tragen dazu bei, dass 87 % des vorhandenen Wassers in den Indischen Ozean abfließen.

Mit geschätzten 1.65 Mrd. Menschen wird Indien 2050 das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Es ist kaum vorstellbar, wie der wachsende Wasserbedarf, der in den nächsten 20 Jahren schon um 50 % ansteigen wird, dann gedeckt werden soll. Schon heute haben ca. 370 Mio. InderInnen keinen Zugang zu sicherem Wasser.

George Fernandes in China: Wandel vom Saulus zum Paulus?
Der ehemalige Jesuiten-Schüler George Fernandes kämpfte lange gegen Nuklearrüstung und für die Rechte des tibetischen Volkes, auch zusammen mit Petra Kelly. In seiner Rede zum Gedenken an Krishna Menon, Nehru´s langjährigem Verteidigungsminister und engem Vertrauten, der nach dem militärischen Debakel gegen China 1962 zurücktreten mußte, nannte Fernandes 1998 die Volksrepublik China "Feind bzw. Bedrohung Nr. 1" für Indien. Er löste damals scharfe chinesische Reaktionen aus. Kurz danach machten die erfolgreichen Explosionen in Rajasthan Indien zur Nuklearmacht.

Fernandes besuchte in der zweiten Aprilhälfte für eine Woche die Volksrepublik. Er milderte sichtbar seine früher kritischen Äußerungen gegenüber dem geopolitischen Rivalen. Die fortwährende chinesische Militärhilfe speziell bei Raketen- und Nuklearprogrammen für Pakistan sowie die wachsende Präsenz China's im Golf von Bengalen mit U-Booten und elektronischen Überwachungssystemen vor der Küste Burma's beunruhigen die Regierung in Delhi. Verhandlungslösungen für die endgültige Festlegung der 4067 Kilometer langen aktuellen Grenze bedürfen längerer Zeiträume.

Gemeinsame Interessen an einem multipolaren Internationalen System könnten die bestehenden Differenzen jedoch ein wenig verringern. In seinem Treffen mit Jiang Zemin, dem Vorsitzenden der mächtigen Militär-Kommission, wurde eine grössere Interaktion zwischen den Offizieren beider Länder und eine Zusammenarbeit auf hoher See vereinbart, um Waffenschmuggel und Piraterie wirksamer zu bekämpfen.

George Fernandes zeigte sich mir gegenüber im Verteidigungsministerium sehr optimistisch. "Die in langen historischen Zeitläufen immer guten Beziehungen zwischen Indien und China werden sich in Zukunft verbessern." Auch bei der Grenzregelung gebe es Fortschritte. Angesprochen auf die erneuten pakistanischen Offerten für eine "atomwaffenfreie Zone in Südasien" unterstrich er nachdrücklich, dass die indische Nuklearpolitik "nicht spezifisch auf Pakistan ausgerichtet sei." Er verwies auf die nuklearen Kapazitäten auf dem amerikanischen Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean und auf das speziell auch in Tibet stationierte Arsenal China's. Es herrscht aber auch Skeptizismus im Kabinett. Im Parlament unterstellte Kommunikations-Minister Arun Shourie Spionageversuche einer chinesischen Armeeorganisation. Die Regierung gab seit einem Jahr kein grünes Licht für chinesische Investitionen in sensitiven Bereichen. Früher gemachte Zusagen werden überprüft.

Congress(I): USA wollen Südasien entnuklearisieren
Jaipal Reddy, Unterhausabgeordneter und Hauptsprecher des Congress(I), kritisierte mir gegenüber zum Ausklang der parlamentarischen Sommerpause, dass die Pakistan-Initiative Vajpayee's eindeutig unter amerikanischem Druck zustande gekommen sei. Langfristig wollten die USA in Südasien Pakistan und Indien ihrer militärischen Nuklear-Kapazität berauben bzw. sie neutralisieren. Dies sei für keine indische Regierung und Partei akzeptabel. Stattdessen stehe Indien kurz vor der Herstellung von Interkontinental-Raketen.

Weltmeister bei Verkehrsunfällen
80 000 Menschen verloren 2002 bei Verkehrsunfällen in Indien ihr Leben, dies sind ca. 10 % der Opfer weltweit. 160 000 Menschen wurden verletzt und oft lebenslang verstümmelt. In dieser Gesellschaft der kurzen Wege können Führerscheine immer noch gegen ein Bestechungsgeld gekauft werden. An die in die Milliarden Euros gehenden volkswirtschaftlichen Verluste denkt kaum einer.

 

 

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