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Ausgabedatum: 01.12.2002

Kaschmir - auf dem Weg zu einer Lösung?

Den Kaschmir-Knoten durchschlagen

Wie könnte eine Lösung im Kaschmir-Konflikt aussehen?

Von Jürgen Neitzel

So nah am Rand einer Katastrophe standen sie schon lange nicht mehr. Indien und Pakistan haben in Kaschmir massiv Truppen zusammengezogen. Indiens Premierminister Vajpayee sprach von einer "entscheidenden Schlacht", die es zu führen gelte. "Wir sind zu allem bereit" konterte Pakistans Militärdiktator Pervez Musharraf und schloss den Ersteinsatz von Atomwaffen nicht aus.

Unlösbarer Streit?
Im Mittelpunkt des indisch-pakistanischen Konflikts steht die ungeklärte Frage der Zugehörigkeit Kaschmirs. Beide Länder halten am Anspruch auf das gesamte Territorium des ehemaligen Fürstentums fest. Die bestehende Aufteilung wird als nicht endgültig gesehen.

Der Kaschmir-Konflikt ist jedoch nicht nur ein Territorial-Streit. Kaschmir rüttelt auch am Staatsverständnis beider Nationen. Jammu & Kaschmir ist der einzige indische Bundesstaat mit einer muslimischen Mehrheit. Er besteht aus dem Kaschmir-Tal sowie den Regionen Jammu und Ladakh.

Für Indien ist Kaschmir der Beleg für den in der Verfassung festgelegten Säkularismus des Landes, der ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen erst ermöglichen würde. Für Pakistan steht die eigene Staatsidee, nämlich das Recht auf Zusammengehörigkeit aller Muslime Südasiens, auf dem Spiel.

Ist der Kaschmir-Konflikt unlösbar und ein Kompromiss zwischen beiden Staaten ausgeschlossen?

Bürgerkrieg in Kaschmir, von Pakistan geschürt
Das Brisante in der Kaschmir-Frage ist die Verzahnung des Territorial-Streits mit einer Aufstandsbewegung im Kaschmir-Tal, das zu Indien gehört. Dort kämpfen moslemische Gruppierungen friedlich und mit Waffengewalt für eine größere Autonomie, die Unabhängigkeit oder den Anschluss an Pakistan. Insgesamt hat der Bürgerkrieg seit Ende der 80er Jahre zwischen 30.000 und 60.000 Menschen das Leben gekostet. Eine Lösung des Kaschmir-Konflikts setzt deshalb eine Lösung des indischen Bürgerkriegs voraus.

Militante im indischen Teil Kaschmirs (Bild: BBC Online)

Indien vertritt die Auffassung, Pakistan trage die Hauptverantwortung für die separatistischen Unruhen. Es gibt genug Anhaltspunkte dafür, dass die Regierungen und das Militär in Islamabad die sezessionistischen Bewegungen in Kaschmir über Jahrzehnte hinweg unterstützt haben. Zuletzt wurde das im Mai 1999 deutlich, als die Grenzregion Kargil, im indischen Teil Kaschmirs, eine Invasion von muslimischen Separatisten erlebte, die von der pakistanischen Armee geplant sowie personell und logistisch unterstützt wurde.

Zudem bildet der pakistanische Geheimdienst seit Jahren islamische Gotteskrieger, die "dschihadis", für den Einsatz im indischen Teil Kaschmirs aus. Diese suchten nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan ein neues Betätigungsfeld und wurden auf den Kaschmir-Konflikt eingeschworen.

Mittlerweile haben die religiösen Fanatiker die ursprünglich säkular ausgerichtete Widerstandsbewegung vereinnahmt und aus dem Unabhängigkeitskampf einen Heiligen Krieg gemacht.

Bürgerkrieg in Kaschmir, von Indien verantwortet
Obwohl Pakistan den Bürgerkrieg in Kaschmir schürt und radikalisiert, ist Indien für die Entstehung des bewaffneten Aufstands selbst verantwortlich. So wurde die kaschmirische Regionalidentität von New Delhi stets mit Füßen getreten und jegliche politische Autonomiebewegung mit Gewalt unterdrückt.

So kam es, wie es kommen mußte. Nach den massiven Wahlfälschungen von 1987 brach ein separatistischer Aufstand los, der die Unabhängigkeit Gesamt-Kaschmirs zum Ziel hatte. Indien antwortete mit Gewalt, die Gegengewalt und Hass nach sich zog. Heute versuchen ca. 500.000 Armee- und Polizeikräfte in Kaschmir für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Vergeblich.

Kurzfristige Lösungen: Demokratie wiederherstellen und Dschihad stoppen
"Indien muss aufhören, hier mit einer Besatzungsarmee zu herrschen, und uns die demokratischen Rechte gewähren, die im übrigen Land gelten", fordert Javed Mir, zweiter Vorsitzender der Jammu Kashmir Liberation Front (JKLF), die für die Unabhängigkeit eintritt.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wurde bereits getan. So fanden im Oktober 2002 erst zum zweitenmal seit 1948 freie und faire Wahlen statt.

Weitere Schritte müssen nun folgen. Dazu gehören: 1. die Freilassung hunderter von politischer Aktivitisten, die unter fadenscheinigen Gründen festgehalten werden, 2. die Reduzierung der Sicherheitskräfte, 3. die Wiederaufnahme des Dialogs mit den separatistischen Gruppierungen, die die Wahlen boykottiert haben.

Gefragt sind aber auch Pakistan und seine Militärregierung. Die Unterstützung für die islamischen Gotteskrieger in Kaschmir muß endlich eingestellt werden. Seit dem 11. September besteht eine realistische Chance, dass diese Forderung auch wirklich umgesetzt wird. Die Taliban hat Musharraf bereits fallen gelassen. Auf US-Druck hin geht Musharraf entschiedener gegen die islamistischen Kaschmir-Kämpfer vor. Die Anführer der beiden in Kaschmir aktiven Terrorgruppen Jaish-e-Mohammed und Lashkar-e-Toiba wurden verhaftet, die Konten der beiden Organisationen eingefroren, die Infiltration von Terroristen ins indische Kaschmir teilweise unterbunden.

Doch das Risiko für Musharraf ist im Fall von Kaschmir viel höher als in Afghanistan. Wie keine andere Frage berührt Kaschmir den nationalen Stolz der Pakistaner und nicht nur der religiösen Eiferer. Auf diesem Terrain muß Musharraf vorsichtig agieren, um sich nicht den Vorwurf der Nachgiebigkeit in der Kaschmir-Frage gefallen zu lassen. Vor allem braucht Musharraf Zeit und die stillschweigende, diplomatische Unterstützung Indiens. Denn auch Indien kann nicht daran gelegen sein, dass Musharraf gestürzt und die Islamisten an die Macht kommen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie eine Volksabstimmung den Kaschmir-Konflikt lösen könnte

 

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