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Ausgabedatum: 04.08.2002

Newsletter Special: Der Kaschmir-Konflikt

Fundamentale, ideologische Gegensätze

In Kaschmir geht es ums Prinzip

Von Jürgen Neitzel


Der Kaschmir-Konflikt ist von fundamentalen Gegensätzen geprägt. Indien betont den säkularen Charakter seines Staatswesens, um an Kaschmir festzuhalten. Pakistan hingegen beruft sich auf sein religiöses Staatsverständnis. Als Heimat aller Moslems des Subkontinents sei Kaschmir, der einzige indische Bundesstaat mit einer muslimischen Mehrheit, "natürlicher" Bestandteil Pakistans.

Kaschmir ist immer wieder der Auslöser für politische Krisen zwischen beiden Staaten. Drei Kriege wurden bereits um Kaschmir geführt: 1948, 1965 und 1999. Gelöst haben sie das Problem nicht. Im Gegenteil: Kaschmir bleibt ein Pulverfass, das die gesamte Region zum Explodieren bringen könnte. Woher kommt diese immense Sprengkraft, wie ist die Intensität der Auseinandersetzungen um die Himalaya-Region zu erklären?

Belastete Vergangenheit
Rückblende: nach jahrzehntelangem Kampf erlangt der indische Subkontinent 1947 die Unabhängigkeit. Das ehemalige Britisch-Indien wird nach dem Prinzip der Religion geteilt. Indien sollte aus den Provinzen mit einer Hindumajorität entstehen und Pakistan aus den Regionen mit muslimischer Mehrheit. Ausnahme waren die halbautonomen Fürstentümer, wie Kaschmir oder Hyderabad, denen es freigestellt wurde, sich entweder Indien oder Pakistan anzuschließen oder aber ihre Unabhängigkeit zu proklamieren.

Ernste Probleme traten bei denjenigen Fürstentümern auf, deren Herrscher eine andere Religion besaßen als die Mehrheit der Einwohner. So herrschte in Kaschmir der Hindu-Maharaja Hari Singh über eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Als es zu Unruhen und Grenzverletzungen in Kaschmir kam, forderte Hari Singh indische Truppen an und erklärte seinen Anschluß an Indien. Daraufhin entsandte Pakistan eigene Truppenverbände in die Himalaya-Region. Es kam zum ersten indisch-pakistanischen Krieg, der erst Anfang 1949 unter Vermittlung der UNO beendet wurde.

Als Ergebnis ist Kaschmir heute de facto entlang der Waffenstillstandslinie aufgeteilt. Der pakistanische Teil umfaßt ca. 1/3 des ehemaligen Fürstentums, während der Rest als Bundesstaat Jammu & Kaschmir in das indische Staatsgebiet integriert wurde.

"Eine-Nation" versus "Zwei-Nationen"
Kaschmir rührt also an den Ursprung, an die Teilung des Subkontinents. Dabei stehen sich zwei Staatsideologien unversöhnlich gegenüber. Nach Ansicht Pakistans sind Hindus und Moslems auf dem indischen Subkontinent zwei unterschiedliche Nationen, deren gemeinsames Merkmal die jeweilige Religionszugehörigkeit sei.

"Moslems können in einem von Hindus dominierten Staat nicht sicher leben. Zwei durch Religion definierte Gemeinschaften können nicht auf einem einzigen Stück Land zusammenleben", das war die Grundüberzeugung des pakistanischen Staatsgründers Mohammed Ali Jinnah.

Indien dagegen lehnt die "Zwei-Nationen-Theorie" Pakistans ab. Auf dem indischen Subkontinent gebe es nur eine Nation, die auf gemeinsamer Abstammung und gemeinsamen geschichtlichen Erfahrungen basiere.

"Ich kann in der Geschichte keine Parallele finden, dass eine Gruppe von Konvertierten (Hindus, die zum Islam übergetreten sind) und deren Nachkommen den Anspruch erhebt, eine Nation getrennt von ihren Urvätern zu sein. Wenn Indien vor dem Erscheinen des Islams eine Nation war, so muß es trotz des Glaubenswechsels eines beträchtlichen Teils ihrer Söhne eine Nation bleiben", argumentierte Mahatma Gandhi, einer der führenden Politiker der Unabhängigkeitsbewegung.

Um das friedliche Zusammenleben unterschiedlichster Religionen und Ethnien sicherzustellen, gab sich Indien deshalb eine säkulare Verfassung. Religiöser Staat versus säkluarer Staat oder "Zwei-Nationen" versus "Eine-Nation" - darin liegen die ideologischen Wurzeln des Kaschmir-Konflikts.

Die Existenz bedroht
Warum riskiert Pakistan, indem es die muslimischen Extremisten im indischen Teil Kaschmirs unterstützt, einen Krieg mit dem überlegenen Nachbar und damit die eigene Auslöschung? Die Antwort ist einfach: für Pakistan geht es um alles oder nichts; es geht um den Sinn seiner Existenz.

Denn das Land wird nur durch das Band der Religion und der geographischen Nachbarschaft zusammengehalten. Gemäß diesem Prinzip gehört auch Kaschmir dazu, eine angrenzende und gleichzeitig muslimische Region. Gibt Pakistan seinen Anspruch auf Kaschmir auf, würde es sich damit selbst in Frage stellen.

Dies gilt umso mehr, als die pakistanische Staatsideologie 1971 mit der Gründung Bangladeshs, dem ehemaligen Ostpakistan, einen schweren Schlag erlitt. Für Indien, das die Unabhängigkeitsbewegung der Bengalen massiv unterstützt hatte, war dies der nachträgliche Beweis, dass die Teilung des Subkontinents ein schwerer Fehler gewesen war.

Pakistan hat Indien diesen Schlag gegen sein nationales Selbstverständnis nie verziehen. Diese Infragestellung der pakistanischen Identität machte Kaschmir zum überlebenswichtigen Ersatzobjekt.

Umgekehrt würde ein Abtrennung Kaschmirs aus religiösen Gründen dem säkularen Charakter des indischen Staates einen schweren Schlag versetzen. Bereits 1964 erklärte der damalige indische Erziehungs- und Außenminister Chagla vor dem UN-Sicherheitsrat: "Wir lehnen eine Theorie ab, derzufolge die Religion zum Kriterium für die jeweilige Staatsangehörigkeit gemacht wird. Das würde die Sprengung unseres Staatswesens bedeuten". Fällt Kaschmir, könnte dies der Beginn vom Ende der Einheit Indiens sein.

Kompromißbereitschaft ist in diesem Kampf um die "richtige" Staatsidee nicht zu erkennen, eine Lösung des Kaschmir-Konflikts in weite Ferne gerückt. Oder wie es Farooq Abdullah, der Ministerpräsident im indischen Teil Kaschmirs ausdrückt: "Weder Indien noch Pakistan werden loslassen, ob wir nun 100 Kriege haben oder 1000. Wir werden uns nur gegenseitig ausbluten"

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