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Ausgabedatum: 01.12.2002

Kaschmir - auf dem Weg zu einer Lösung?

Kaschmir hat gewählt

Von Gerd von Olnhausen

Der aus Sicherheitsgründen in vier Abschnitte portionierte Urnengang in der indischen Unruheprovinz endete mit einer Überraschung: die vom Abdullah-Clan kontrollierte National Conference, die seit der Unabhängigkeit Indiens das politische Geschäft in Jammu und Kaschmir dominierte, verlor die Hälfte ihrer Sitze und muss die Macht an eine Koalitionsregierung aus Congress(I), der neuen People`s Democratic Party (PDP) und Unabhängigen abgeben.

Die Wahlbeteiligung lag zwischen 42% und 47% - die Angaben schwanken - und übertraf damit die Erwartungen, da dieser Wahlakt von erheblich separatistisch-terroristischer Gewalt und Einschüchterung begleitet wurde. Zwar dürfte die neue Koalition unter dem PDP-Ministerpräsidenten Mufti Mohamed Sayed nicht gerade das Wunschresultat der Zentralregierung in Delhi widerspiegeln, dennoch werteten diese den gesamten Urnengang als Erfolg im Kampf gegen die "außengesteuerten" separatistischen Kräfte, die in diesem Bundesstaat wirken.

Die Tatsache, dass diejenigen Gruppierungen, die eine Loslösung von Indien befürworten, die Wahl boykottiert haben, schmälert angesichts der Gewaltakte, die aus dieser Ecke des Rings vorgetragen wurde, den legitimatorischen Charakter dieser Wahl nur wenig. Unübersehbar und durch diese offenbar nur wenig beeinflusste Wahl bestätigt, bleibt jedoch die extreme Diversität, die Jammu und Kaschmir als Bundesstaat verkörpert: die zwei ladakhischen Abgeordneten gewannen ihre Mandate ohne Gegenbewerber, im hinduistischen Süden (rund um die Winterhauptstadt Jammu) lag die Wahlbeteiligung weit über dem Durchschnitt und es konnten dort sogar Kandidaten der Kommunistischen Partei (CPI-M) zwei Sitze erobern.

Ganz offenkundig liegen Welten zwischen den politischen Realitäten der einzelnen Teile der Region auf indischer Seite, also der buddhistischen und bevölkerungsarmen Hochgebirgsregion, des Teils, der der indischen Stromebene zugehört sowie letztlich des Kaschmir-Tals rund um die Hauptstadt Srinagar. Die umstrittene Region insgesamt, also das historische Fürstentum Kaschmir mit den Hochgebirgsregionen Gilgit und Hunza, ist noch heterogener.

Jeder ernstzunehmende Versuch, den Konflikt um Kaschmir zu lösen, muss dieser Vielfalt Rechnung tragen. Mit anderen Worten: es besteht wenig Zweifel daran, dass die Einwohner des Bundesstaates außerhalb des Kaschmir-Tales sich Indien zugehörig fühlen, bzw. die Bevölkerung des KaschmirTales in einem möglicherweise durchzuführenden Referendum nur über den Verbleib ihrer engeren Region in Indien oder den Anschluss an Pakistan entscheiden sollte. Dabei wäre es alles andere als sicher, dass ein solcher Volksentscheid automatisch zugunsten Pakistans ausginge, unter der Voraussetzung allerdings, dass die politische Willensbildung unter Bedingungen weitgehender Abwesenheit von politischer Gewalt und Einschüchterung stattfinden könnte.

Brandneue und empfehlenswerte Literatur zum Thema:
"Krisenherd Kaschmir" von Dietmar Rothermund, 9,90 Euro

 

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