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Ausgabedatum: 21.11.2001 |
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Newsletter Special: Südasien nach dem Terroranschlag Hintergrund-Artikel |
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Kashmir bedroht Stabilität in Südasien Die Genese eines Konflikts Bild: eine Armee-Patroullie in Srinagar, der Hauptstadt Kashmirs (BBC Online) Keine andere Frage in Südasien erregt derart die Gemüter wie die Situation, die in und um Kashmir entstanden ist. Mehrmals führten Indien und Pakistan um das ehemalige Fürstentum Krieg. Darüber hinaus gibt es fast täglich bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Bevölkerung und dem indischen Sicherheitsapparat. Im Zuge des Krieges in Afghanistan erfuhr diese Lage eine neue Dimension, da Kashmir an Afghanistan grenzt und Pakistan und Indien versuchen, die Afghanistan-Situation für den Ausbau ihrer jeweiligen Positionen auszunutzen. Es fragt sich also, worum es in Kashmir geht und worin die Dimension seines Konfliktes heute besteht. Der Kashmir-Konflikt resultiert aus der Instrumentalisierung verschiedener politischer Kräfte zu verschiedenen Zeiten bei unterschiedlich wirkenden politischen Kräfteverhältnissen. An diesem politischen Machtkampf war zunächst bis 1947 Großbritannien als Kolonialmacht beteiligt. Der Subkontinent war zu jener Zeit administrativ wie folgt aufgeteilt: neben kleinerer kolonialen Besitzungen Portugals und Frankreichs dominierte das direkte britische Herrschaftsgebiet (Britisch-Indien) sowie die 526 Fürstenstaaten, die durch einen Abgesandten Großbritanniens indirekt mit der britischen Kolonie verbunden waren und durch sie kontrolliert wurden. Am 15. August 1947 wurde Britisch-Indien nach langjähriger politischer Agitation von Nationalkongress und der Muslim Liga unabhängig und in zwei sogenannte Dominion, Indien und Pakistan, aufgeteilt. Pakistan bildete hierbei jenes Gebiet der ehemaligen Kolonie, in der Muslime die jeweilige Bevölkerungsmehrheit besassen. Dies waren der Nord-Westen und der Nord-Osten des Subkontinents. Die Fürstenstaaten hatten nun zur Zeit der Unabhängigkeit und Teilung formal das Recht erhalten, einem der beiden Dominions beizutreten. Im Falle Jammu und Kashmir, das ein solcher Fürstenstaat war, entwickelte sich eine solche Option zum Verhängnis. Indien und Pakistan führten nämlich in diesem Staat ihren Machtkampf um Geschichte, Erbe und Zukunft des Kolonialstaates fort. Das Verhalten einer Reihe von politischen Akteuren führte in der Folgezeit zum Entstehen einer politisch komplexen Situation. Zunächst ist hierbei der Maharaja des Staates von Jammu und Kashmir zu nennen. Er versuchte zunächst, seine politische Legitimation durch das gegenseitige Ausspielen Indiens und Pakistans zukünftig zu sichern und trat keinem der beiden Dominions bei. Bald wurde jedoch deutlich, daß die Realisierung eines Sonderweges, der jenseits von Indien und Pakistan lag, nicht den Realitäten auf dem Subkontinent entsprach. Die zentralen Regierungsstellen - wie Post und Kommunikation - im Fürstenstaat unterstanden dem Regierungsbezirk von Lahore, das nun in Pakistan lag.
Für große Teile der in der Ladakh -und Jammu-Region, aber auch für einflußreiche Teile der in Srinagar lebenden Bevölkerung der Kashmiris war diese auf einen Beitritt zum Dominion Pakistan ausgerichtete Option nicht tragbar. Das Spielen der pakistanischen Karte gegen Indien wurde für den Maharaja immer unhaltbarer. Es zeigte sich bald, daß Kashmir seine Unabhängigkeit nur noch durch indische Hilfe gewährleisten konnte. Folglich unterschrieb der Maharaja als einzig legitimierte Institution des Staates jener Zeit am 26. Oktober 1947 den Beitritt Jammu und Kashmirs zum Indischen Dominion (sog. "Instrument of Accession"). Dieser Schritt wurde vom Generalgouverneur Indiens am 27. Oktober akzeptiert und mit der Landung indischer Truppen am selben Tag untermauert. Pakistan hingegen akzeptierte diesen Verfassungsakt nicht und meinte, daß dieser Schritt durch Gewalt und Trick herbeigeführt wurde und der Staat für Pakistan optiert hätte. Jammu und Kashmir wurde nun zu einem Streitpunkt zwischen beiden Staaten, der auf der Ebene der UNO ausgetragen wurde. Hier warf die pakistanische Führung der indischen vor, daß Indien in der Tat niemals die Schaffung Pakistans akzeptiert hätte und daß in Jammu und Kashmir ein Exempel statuiert werden solle. Der Staat sei mehrheitlich von Muslimen bewohnt, was ihn zu einem natürlichen Teil Pakistans mache. Beide Seiten willigten im Laufe des Jahres 1948 schließlich einem Waffenstillstand unter der Bedingung zu, ein Plebiszit über den zukünftigen Status abzuhalten. Dies trennte das bereits wieder durch indische Truppen eroberte Gebiet per 1. Januar 1949 vom restlichen Teil des Staates (sog. "Line of Control"). Das Plebiszit wurde bis zum heutigen Tag nicht abgehalten, da beide Seite die Bedingungen für seine Durchführung nicht akzeptieren konnten. Dadurch blieb der ehemalige Fürstenstaat in zwei von jeweils Indien und Pakistan verwaltete Gebiete geteilt. Für Indien stand eine sukzessive Einbindung der ehemaligen Fürstenstaaten in sein Verfassungssystem nicht in Frage. Es sah sich hierbei auch durch das Abkommen mit den politischen Führern Kashmirs (National Conference) vom Juli 1952 in dieser Politik bestätigt. Doch diese versuchen bis zum heutigen Tage, auch unterstützt durch das pakistanische Interesse auf das Gesamtgebiet, innerhalb Indiens einen Sonderstatus für Kashmir auszuhandeln. In den 90er Jahren führte diese Situation in einen zwischen Militanten und dem indischen Staat ausgetragenen Krieg. Die Entwicklung in und um Kashmir ist unlösbar mit dem Schicksal beider Staaten, Indiens und Pakistans, verbunden. Eine nur auf Jammu und Kashmir bezogene Lösung des Konflikts ist undenkbar, da es den Kashmir-Konflikt als solches nicht gibt. Vielmehr reflektiert sich in ihm der Stand der politischen Entwicklung in beiden Staaten. Mit Militärmachthabern in Islamabad und Hindunationalisten in Neu-Delhi ist eher mit einem weiteren Polarisieren der gegenseitigen Positionen zu rechnen als mit einer friedlicheren Gestaltung des Verhältnisses. Da beide Staaten instabil sind, kann der ungelöste Verfassungsstatus Jammu und Kashmirs daher hier auch zu einer längeren konfliktreichen Situation führen. Diese können auch auswärtige Kräfte ausnutzen. Bis für den gesamten Subkontinent eine alternative politische Ordnung gefunden wird oder andere politische Kräfte in Pakistan und Indien Einfluß erlangen, bleibt Jammu und Kashmir andauernd brisant. Eine allgemeine Kriegssituation in der Region, die durch die Afghanistan-Krise ausgelöst wurde, wird Spannungen hier eher erhöhen. Indien wie auch Pakistan rechnen so derzeit gegenseitig auf, inwieweit sie jeweilig durch die Afghanistan-Krise Nutzen ziehen können. Verluste an der "Afghanistan-Front" könnten etwa durch Gewinne an der "Kashmir-Front" wettgemacht werden.
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