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Ausgabedatum: 01.12.2002 |
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Gesellschaft |
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Klimawandel aus indischer und deutscher Perspektive Indisch-deutsches Umwelt-Forum in Potsdam begründet Von Dr. Klaus Voll, Freier Journalist Vom 25.-27. September 2002 trafen sich in Potsdam indische und deutsche Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen, Sozialaktivisten, Finanzfachleute, Ministeriumsvertreter und Parlamentarier, um sich mit dem Thema "Indische und deutsche Perspektiven zum Klimawandel" in den historischen Gebäuden (Astrophysikalisches Observatorium) des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung e. V. (PIK) auseinanderzusetzen. Das Seminar wurde gemeinsam vom "Global Governance Project" des PIK, der Madras School of Economics, Chennai und der Heinrich Böll-Stiftung durchgeführt. Der indische Minister für Umwelt und Forsten, Balu, übersandte eine Grußadresse an die Veranstalter und Teilnehmer. Podiumsdiskussion in den Hackeschen Höfen. Suresh Prabhu, atypischer Abgeordneter der rechtsradikalen Shiv Sena sowie engagierter früherer Umwelt- und Energieminister, beklagte, daß alte Verpflichtungen der Industrieländer nicht implementiert würden. 71% der indischen Elektrizität würden auf der Basis von Kohle erzeugt, Indien verfüge über Vorräte für 500 Jahre. Obwohl die Nuklear-Energie eine Alternative darstelle, benötige Indien Investitionen in erneuerbare Energien. Der wiedergewählte Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Josef Fell, sprach sich entschieden für den Ausbau und die industrielle Massenfertigung erneuerbarer Energien, speziell auch der Solar-Energie, aus, die letztlich billiger als konventionelle Energien werden könnten. Deutschland könne dabei als eine große Industrienation eine Vorreiterrolle durch finanzielle Anreize für Investitionen in erneuerbaren Energien, Exportförderung, umfassenden Know-how-Transfer und entwicklungspolitische Aufbauhilfe spielen. Konferenzablauf und praktische Ansatzpunkte Suresh Prabhu unterstrich Indiens Rolle in Klimafragen und sprach sich für eine enge Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland aus, um nachhaltige Entwicklungen zu ermöglichen. Erneuerbare Energien und ihre Technologien sollten im Rahmen globaler Aktionen gefördert werden. Indien benötige jedes Jahr zusätzlich 10 000 MW, trotz verstärkter Anstrengungen zur Energieeinsparung. Die Kosten für erneuerbare Energien seien zu hoch. Dr. A. P. Mitra vom National Physical Laboratory, New Delhi, verwies darauf, daß der deutsche CO2Ausstoß pro Kopf ca. neunmal so hoch als in Indien sei. Indien habe neue Beobachtungsstationen u. a. in Leh und Port Blair auf den Andamanen und Nikobaren errichtet. Sunita Narain forderte zusätzlich zum Clean Development Mechanism, dem sie nur eine untergeordnete Rolle zuwies, da er auf wirtschaftlicher und nicht ökologischer Effizienz aufbaue, von Deutschland im Rahmen seiner Entwicklungshilfe ein Projekt zu erneuerbaren Energien, parallel zum Kyoto-Prozeß. Professor P. S. Ramakrishnan von der Jawaharlal Nehru-Universität in New Delhi verwies darauf, daß die Bergbewohner, ca. 20 % der indischen Bevölkerung, vom Klimawandel sehr stark betroffen würden. Ihr traditionelles Wissen müsse in moderne Lernsysteme integriert werden. Dr. K. S. Kavi Kumar, Madras School of Economics, Chennai, postulierte, daß der Klimawandel zu einem Rückgang der Weizenproduktion führen werde. Perspektiven 1. Der Aufbau eines ökologischen Informationssystems mit einer landesweiten Vernetzung bis in Regionen und Distrikte in allen Staaten der Indischen Union könnte zum innovativen Wissens- und Erfahrungsaustausch, u.a. auch über Klimawandel, beitragen. Suresh Prabhu hat ein solches landesweites Adreßsystem bereits systematisch aufgebaut, das eine in die Gesellschaft hinein wirkende Popularisierung erlauben und damit einen wirklichen, u. a. auch die sozialen Barrieren allmählich überwindenden Diskurs auslösen könnte. 2. Viele indische Parteien verfügen kaum über internationale Kontakte, durch die sie sensitiviert werden könnten. Hier liegt ein wichtiges Aufgabengebiet für europäische und deutsche Parteien sowie die ihnen nahestehenden politischen Stiftungen. Besonders Politiker des Bündnisses 90/Die Grünen, aber auch Umweltpolitiker anderer deutscher Parteien, sollten in einen verstärkten Dialog mit indischen Abgeordneten eintreten, u.a. zu Fragen des Klimawandels. Kontinuierliche parteipolitische Kontakte mit inhaltlichen Schwerpunkten sind erstrebenswert. Der Klimawandel muß ein Anliegen auf höchster Ebene werden. 3. Suresh Prabhu will sich für eine "Parliamentary Group on Environment" einsetzen. Einige aus der jüngeren Politikergeneration stehen diesen Themen heute sehr viel aufgeschlossener gegenüber als vor 10 Jahren. Der BJP-Unterhausabgeordnete Kirti Jha Azad schlägt deshalb vor, gezielt auf die ca. 35 Mitglieder umfassende "Young Parliamentarians Group" aus allen Parteien einzuwirken, auch mit Experten und Materialien aus Deutschland, zumal wissenschaftliche Expertise bislang von indischen Politikern viel zu wenig genutzt wird. 4. Der Congress (I)-Abgeordnete Prithviraj Chauhan schlägt ein exklusives Treffen von 10-15 Abgeordneten aus den wichtigsten Parlamentsfraktionen vor, um diese mit dem Thema "Klimawandel" mit all seinen Varianten vertraut zu machen. 5. Der ehemalige Umweltminister Saifuddin Soz setzt sich angesichts des evidenten Klimawandels für einen "People´s Ecological Council of Jammu and Kashmir" in dieser vom (Nuklear-) Krieg bedrohten Krisenregion der Indischen Union ein. 6. Heute wird der "Clean Development Mechanism"(CDM) von der indischen Regierung konstruktiv akzeptiert, u. a. durch eine veränderte Haltung der indischen Industrie. Mit der Akzeptanz verbindlicher Emissionswerte kann ab 2012 gerechnet werden. Selbst innerhalb der Kommunisten, die den Handel mit Emissionswerten ablehnen, mehren sich Stimmen für vermehrte Eigenanstrengungen. 7. Klimawandel könnte ein die südasiatischen Staaten verbindendes Thema bilden. Initiativen, so u. a. eine Wiederaufforstung des Himalaya böten sich angesichts des Mangels anderer Gemeinsamkeiten und der Konfrontation zwischen Indien und Pakistan in der mehr als angeschlagenen "South Asian Association for Regional Cooperation" (SAARC) an. 8. Unter den wenigen Fachleuten zu Umwelt und Klimawandel in den indischen Parteien wird die durchaus fortschrittlichere Rolle Europas im Vergleich zu den USA positiv gewürdigt. Daraus könnten auch wirtschaftliche Vorteile für Deutschland und Europa entstehen. 9. Wichtige Katalysatoren für eine intensivere Wahrnehmung des Klimawandels sind aber auch die indische Zivilgesellschaft und Intelligenz sowie multilaterale Institutionen, z. B. Weltbank und UNDP (United Nations Development Programme), Botschaften der Europäischen Union oder etwa die Swedish Development Agency.
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