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Ausgabedatum: 27.09.2001

Newsletter Special: Südasien nach dem Terroranschlag

Hintergrund-Artikel

Pakistan zahlt für US-Unterstützung einen hohen Preis

Der Terroranschlag in den USA hat in Pakistan ein politisches Erdbeben ausgelöst. Ehemals Verbündete drohen plötzlich zu Feinden zu werden, die Regierung steht vor massiven innenpolitischen Problemen und vitale Bestandteile pakistanischer Außenpolitik drohen wie ein Kartenhaus in sich einzustürzen.

Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf hat den USA die uneingeschränkte Kooperation Islamabads im Kampf gegen den internationalen Terrorismus versprochen. Die Forderungsliste der Amerikaner: Überflugrechte bei eventuellen Luftangriffen, die Schließung der Grenze zu Afghanistan und Geheimdienstinformationen. In einer Fernsehansprache verteidigte Musharraf seine Entscheidung. Die Zusammenarbeit mit den USA sei im nationalen Interesse Pakistans, weil ansonsten die USA sich Indien zuwenden und Sanktionen das eigene Atomprogramm gefährden würden. Diskret verschwieg er die zugesicherte Finanzhilfe der Amerikaner, die sich laut India Today auf mindestens 15 Mrd. US$ belaufen soll. Was ebenfalls unerwähnt blieb: durch die Unterstützung der Taliban war Pakistan plötzlich in die Schußlinie der internationalen Terrorbekämpfung geraten. US-Präsident George W. Bush ließ keinen Zweifel daran, daß er diejenigen, die die Täter von New York und Washington schützen, genauso behandeln wird wie die Täter selbst.

Im Bild: Präsident Musharaff

Doch der Preis, den Musharaff für sein Entgegenkommen bezahlen muss, könnte sich schon bald als zu hoch herausstellen. Schon haben radikal-religiöse Gruppierungen gegen den Staatschef mobil gemacht. In Peshawar, Karachi und anderen Orten gingen die Fundamentalisten auf die Straße und demonstrierten gegen die USA und die eigene Regierung. "Der islamistische Virus hat die pakistanische Gesellschaft längst infiziert", erklärt ein Journalist aus Islamabad und fügt hinzu: "Pakistan ist zu einem guten Teil längst talibanisiert". Besonders betroffen sind die Grenzprovinzen im Nordwesten des Landes. Dort befinden sich die afghanischen Flüchtlingslager, hier sind die Koranschulen, die einen extremen islamischen Fundamentalismus predigen. "Es ist erste Pflicht der Muslime, gegen Amerika zu kämpfen, denn Amerika ist der schlimmste Satan unserer Zeit", sagt Sami el-Haq, Chef des Haqqani-Seminars, eine Islam-Hochschule, die einen Großteil der heutigen Taliban-Führer hervorgebracht hat.

Ein militärischer Angriff der USA auf Afghanistan könnte das Pulverfaß Pakistan endgültig zum Explodieren bringen. Die islamischen Fundamentalisten haben im Falle einer Attacke gegen die Taliban den "Dschihad gegen Amerika", den heiligen Krieg der Muslime gegen die Ungläubigen, angekündigt. Dies würde auch den Kampf gegen die "Helfer und Helfershelfer" einschließen. Pakistaner schießen auf Pakistaner - keinesfalls undenkbar für den Religionsgelehrten Ghazi Abdul Raschid: "Das wäre kein Bruderkrieg, sondern die Rettung Pakistans vor all denen, die den Isalm schon lange verachten." Der Einfluß der Islamisten beschränkt sich jedoch nicht nur auf die verarmten Massen, sondern reicht in die politischen Parteien und das Militär hinein. Bei einer Radikalisierung der politischen Lage ist ein Putschversuch gegen Musharaff nicht ausgeschlossen. Dieser weiß um die Gefährlichkeit der Lage und rief in einer Fernsehansprache alle Pakistaner dazu auf, die Einheit des Landes zu bewahren. Zudem warnte er vor Käften, die das Land destabilisieren wollten.

Durch die Allianz mit den USA hat sich der pakistanische Präsident zudem den wichtigsten Verbündeten in der Region, die Taliban in Afghanistan, zum Feind gemacht. Ironie der Geschichte: der pakistanische Geheimdienst war es, der mit amerikanischer Militär- und Finanzunterstützung die Taliban zu einer Ordnungsmacht in Afghanistan aufgebaut hat. Pakistan verband damit die Hoffnung auf eine sichere Nachbarschaft im Norden und auf einen Zugang zu den entstehenden zentralasiatischen Märkten.

Das Taliban-Regime war aber auch für Pakistan ein wichtiges geopolitisches Instrument im Kampf mit Indien um Kaschmir. Es sind von den Taliban ausgebildete islamische Kämpfer, die im indischen Teil Kaschmirs aus der Unabhängigkeitsbewegung einen "Heiligen Krieg" entfacht haben. Ein Teil des Geldes, das für den Aufbau der Trainingslager und den Kauf von Waffen benötigt wird, soll von dem Hauptverdächtigen der Terroranschläge, Osama bin Laden, stammen. Ohne die Taliban wird es für Pakistan sehr schwierig werden, das Feuer des Terrors in Kaschmir weiterhin mit einer solchen Intensität brennen zu lassen.

Denn Islamabad entgleitet mehr und mehr die Kontrolle über seine einstigen Koranschüler. Eine Vermittlungsmission nach Afghanistan unter Leitung des pakistanischen Geheimdienstchefs General Mahmood Ahmed ist bereits kläglich gescheitert. Beide Seiten haben begonnen, entlang der gemeinsamen Grenze Truppen zu konzentrieren. Für den Fall eines US-Angriffs haben die Taliban mit einem regionalen Krieg gedroht. Sollten die Nachbarstaaten die USA bei einer Militäroperation unterstützen, würden afghanische Kämpfer Rache üben, erklärte das Außenministerium der Kabuler Regierung - eine unverhohlene Drohung, die sich vor allem gegen Pakistan richtet. (jn)

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