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Ausgabedatum: 04.08.2002 |
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Newsletter Special: Der Kaschmir-Konflikt |
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Funktioniert die nukleare Abschreckung? Die brisante politisch-militärische Lage an der indo-pakistanischen Grenze ist über die letzten Wochen wieder aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwunden. Neben dem immensen US-amerikanischen Druck auf Pakistans Machthaber, den transnationalen Terrorismus einzudämmen, dürfte auch die zwischenzeitlich angebrochene Monsunzeit zu einer vorübergehenden Entspannung der Situation beigetragen haben. Weniger als drei Jahre nach der Kargil-Krise 1999 ist der Subkontinent nun ein weiteres Mal an den Rand eines Krieges geraten. Die denkbaren konventionellen und letztlich nuklearen Eskalationsstufen haben sich gottlob nur in den Zeitungsspalten und den Szenarien der militärischen und wissenschaftlichen "think-tanks" abgespielt. Betrachtet man jedoch die beispiellose militärische Mobilisierung der Konfliktparteien, begleitet von einer ungekannten Militarisierung der öffentlichen Meinung, kann man nur schwer abstreiten, dass die Konfliktintensität zunimmt. In gewisser Weise erinnert die Situation an die Entfaltung des Kalten Krieges zwischen der USA und der UdSSR vom "Sputnik-Schock" bis zur Kuba-Krise, deren Beilegung als Beginn der Entspannungsphase gesehen werden kann. Die Ansicht, dass die nukleare Bewaffnung die Grossmächte, wenn auch um die Möglichkeit der gegenseitigen Vernichtung, fast 30 Jahre lang vor einem Krieg bewahrt hat, kann heute auch von denjenigen vertreten werden, die in den 80iger Jahren noch gegen die Nachrüstung auf die Strasse zogen. Allerdings hat die zweite Phase des Kalten Krieges, insbesondere vor dem Hintergrund der technologischen Dynamik eine Fülle von Regelungsmechanismen hervorgebracht, angefangen von roten Telefonen, Frühwarnsystemen, gegenseitigen Konsultationen und der Definition von kritischen Schwellen, die zur "Rationalisierung" des Horrors eines nuklearen Schlagabtausches beitrugen. Indien und Pakistan befinden sich dagegen eindeutig noch in der Frühphase eines "Kalten Krieges", wenn man diesen als Kategorie einer andauernden Konfrontation zweier nuklear bewaffneter Mächte definieren möchte. Selbst wenn manche Parallelen zur amerikanisch-sowjetischen Konfrontation erkennbar sind, unterscheidet auch Vieles den indo-pakistanischen Konflikt davon: die unmittelbare geographische Nachbarschaft und das hohe Level an konventioneller militärischer Aggressivität (wie man sich erinnert, waren Artillerieduelle an der innerdeutschen Grenze eher unüblich); die politischen Systeme beider Länder erscheinen hinsichtlich ihrer Stabilität und künftiger Handlungsweisen unberechenbarer und nicht zuletzt ist das Maß an internationaler Intervention ungleich höher. So gibt es viele Hinweise, dass gerade das pakistanische Atomarsenal unter intensiver US-amerikanischer Beobachtung steht und schon allein für den Fall einer fundamentalistischen Machtübernahme in Pakistan "gesichert" werden muss. Das Bewusstsein in beiden Staaten in einer Situation des "Kalten Krieges" zu leben, ist in beiden Staaten vergleichsweise jung und im Prinzip erst durch die beiderseitigen Testserien des Jahres 1998 manifestiert. Die Bevölkerungen hängen in diesem Realisierungsprozess noch weiter zurück, wobei aller Voraussicht alleinig Indien aufgrund seines offenen demokratischen Diskurses auf die Dauer eine Friedensbewegung entwickeln wird. Es ist sicherlich nicht unzulässig, die Vermeidung eines militärischen Konfliktes im Verlauf dieses Frühjahres auf die Abschreckungswirkung der beiderseitigen nuklearen Bewaffnung zurückzuführen. Trotzdem kann dieser Befund nicht zur Beruhigung beitragen: die vergleichsweise niedrigen atomaren Potenziale (nichtsdestoweniger schrecklich, sollten sie zur Anwendung kommen) und die praktisch nicht vorhandenen Vorwarnzeiten können auf beiden Seiten Anlass zum Erstschlag bieten und insbesondere auf indischer Seite scheint eine hohe Verunsicherung zu bestehen über die Schwellenkriterien, die die pakistanische Führung für einem Nukleareinsatz ansetzt. Es bleibt abzuwarten, mit welchen Resultaten Indien und Pakistan die jüngste Konfrontation verarbeiten werden. Neben Mechanismen zur "Rationalisierung" des schon eingetreten Kalten Krieges trägt unabhängig von der Grundsätzlichkeit des indo-pakistanischen Gegensatzes natürlich jegliche Spannungsminderung im bilateralen Verhältnis dazu bei, das Undenkbare auch weiterhin im Bereich des Unmöglichen zu belassen. |
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