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Die Karriere des Pervez Musharraf
Vom Militärdiktator zum "ehrenwerten" General
Von Jürgen Neitzel
Pervez Musharraf, Pakistans Militärmachthaber, hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht. Es ist noch nicht lange her, da waren er und sein Regime international geächtet und mit Sanktionen belegt - wegen des Nuklearprogramms und wegen des Militärputsches. Heute ist das Land ein wichtiger Verbündeter der USA und Musharraf wird von US-Präsident George Bush als "couragierter und visionärer Staatsmann" bezeichnet. Politische Kommentatoren vergleichen ihn bereits mit den ägyptischen und türkischen Modernisierern Anwar Sadat und Kemal Atatürk. Kritiker werfen ihm politischen Opportunismus und Selbstherrlichkeit vor. Pervez Musharraf, ein politischer Visionär oder knallharter Machtpolitiker?
Muslim-Flüchtling aus Indien Pervez Musharraf wird am 11. August 1943 in New Delhi geboren. Er ist der zweite von drei Söhnen einer wohlhabenden Muslim-Familie, die im Zuge der Teilung des Subkontinents 1947 nach Karachi flüchtet. Sein Vater Syed Musharraf-ud-Din, der im Jahr 2000 verstarb, war ein führender Beamter im diplomatischen Dienst. Seine Mutter verfolgte ebenfalls eine internationale Karriere als Beamtin der ILO (International Labour Organization).
Vom Militär geprägt Musharraf selbst entscheidet sich 1961 für die Militärlaufbahn. Er nimmt an zwei Kriegen gegen Indien teil, 1965 und 1971. Auf dem Höhepunkt seiner Militärkarriere wird er im April 1999 zum Generalsstabschef befördert. Nur 2 Monate später dringen Angehörige der pakistanischen Streitkräfte, unterstützt durch militante Separatisten, in den indischen Teil Kaschmirs ein. In den Sektoren Brass und Kargil kommt es zu blutigen Gefechten mit der indischen Armee. Pakistan und Indien stehen am Rande eines weiteren Krieges.
Als "Architekt" dieser militärischen Operation gilt Pervez Musharraf. Erst auf massiven internationalen Druck hin ordnet der damalige pakistanische Premierminister Nawaz Sharif einen Rückzug der Truppen aus Kaschmir an. In Militärkreisen wird dies als Verrat und Demütigung aufgefaßt. Musharraf wirft Sharif offen Feigheit vor.
In der Verwicklung von Musharraf in den Kargil-Konflikt liegen auch die Wurzeln des tiefen Mißtrauens zwischen ihm und Indiens Premierminister A.B. Vajpayee begründet. Vajpayee startete damals - zusammen mit Nawaz Sharif - eine Phase der Entspannung zwischen den beiden Ländern.
Der Staatsstreich Seit der "Schmach" von Kargil spitzt sich der innenpolitische Machtkampf zwischen Sharif und Musharraf zu. Als Sharif versucht, den General abzusetzen, kehrt dieser den Spieß um. Musharaff übernimmt die Regierungsgewalt, löst das Parlament auf und läßt sich später vom Obersten Richter als Staatspräsident vereidigen. Alle politische Macht in Pakistan liegt damit in seinen Händen.
Auf dem Karriere-Höhepunkt Zunächst zeigt das Ausland wenig Sympathie für die Machtübernahme. Pakistan wird mit internationalen Sanktionen belegt. Doch dies ändert sich nach dem 11. September sehr schnell. Nachdem die Amerikaner Osama bin-Laden und die ihn beschützenden Taliban zum Feind erkoren, wird Pakistan wieder zum "Frontstaat". Obwohl mit großen Risiken verbunden, vollzieht Musharrf einen radikalen politischen Kurswechsel.
Er läßt die Taliban fallen und startet eine Kampagne gegen die islamischen Extremisten im eigenen Land - also gegen all jene, die für Pakistan früher so nützlich erschienen. Die Taliban hatten für die notwendige Ruhe an der Westgrenze gesorgt und die Islamisten dienten als Rekrutierungsreservoir für die Kaschmir-Kämpfer, die im Osten beim Erzfeind Indien die Unruhen schürten. Als Belohnung für seine Unterstützung der Anti-Terror Koalition erhält Pakistan umfangreiche Wirtschafts- und Finanzhilfe; das Militärregime selbst wird wieder "hoffähig".
Musharraf hat den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Doch wie geht es jetzt weiter?
Es geht ums politische Überleben - für den General und Pakistan Musharraf Vision von Pakistan ist die eines progressiven, modernen Muslim-Staates. Dabei betont er jedoch: "Pakistan ist kein säkularer Staat, sondern eine islamische Republik". Im Gegensatz zu den Islamisten, die Pakistan in eine Theokratie verwandeln wollen, will er das Land zu einem dynamischen und vorwärtsgerichteten Staat machen.
Um dieses Ziel zu erreichen, sollen Naturwissenschaft und Technik stärker gefördert werden. Entsprechende Lerninhalte sollten auch von den religiösen Schulen des Landes, den sogenannten Madrassas, angenommen werden.
Er verspricht zudem "ein wahres, demokratisches System" zu verwirklichen. Die bisherigen Zivilregierungen seien nur korrupt und keine "korrekten Demokratien" gewesen. Parlamentswahlen verspricht er für Oktober.
Pervez Musharraf, der politische Visionär, so gefällt er sich am besten. Was ihn jedoch wirklich antreibt, ist das Überleben Pakistans und die eigene Machtposition. Auch wenn er seinen politischen Kurswechsel gerne als geplant darstellt, blieb ihm gar keine andere Wahl, wollte er die Zukunft Pakistans nicht aufs Spiel setzen.
Wenn er von Demokratie spricht, meint er damit ein autokratisches System mit ihm an der Spitze. Angesprochen auf seine Präsidentschaft erwiderte er: "Ich werde im Amt des Präsidenten bleiben, nicht zu meinem Wohle, sondern zum Wohle der Nation".
Musharraf ist kein Visionär, sondern ein pragmatischer Machtpolitiker. Das macht ihn zwar weniger sympathisch, aber auch berechenbarer.
Die Zukunft bleibt steinig Wenn Musharraf eines nicht zu fürchten braucht, sind dies die Wahlen im Oktober. Die Opposition der Parteien, die von Musharraf durch Auflösung des Parlaments marginalisiert wurden, hält sich im für den Präsidenten tolerierbaren Rahmen. Die beiden wichtigsten Widersacher, Ex-Premier Nawaz Sharif und dessen Vorgängerin Benazir Bhutto, sitzen weit weg im Exil in Saudi-Arabien. Ihre beiden großen Parteien - Sharifs Muslim League und Benazir Bhuttos People's Party - haben sich gespalten. Und in den Ablegern finden sich genug Leute, die unter Musharraf noch was werden wollen.
Wenn ihm jemand gefährlich werden kann, sind es die Islamisten im eigenen Land. Diese beginnen sich bereits wieder neu zu sammeln. Die Ermordung des amerikanischen Journalisten Pearl und der Anschlag auf eine schiitische Moschee, die von sunnitischen Extremisten verübt wurde, sind erste Anzeichen dafür. Ähnlich prekär bleibt die Lage an der indisch-pakistanischen Grenze. Jeder neue Anschlag in Kaschmir oder in Indien, verübt von aus Pakistan operierenden Moslem-Fundamentalisten, könnte zu einer Eskalation und zu einem erneuten Krieg zwischen beiden Staaten führen.
Die Zukunft des "ehrenwerten Generals" bleibt steinig. Und er muss aufpassen, sich nicht selbst zu überschätzen. "Was ist der Unterschied zwischen Gott und Musharraf?", so ein momentan beliebter Witz in Pakistan. "Gott denkt nicht, dass er Musharraf ist". |