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Ausgabedatum: 10.05.2004

Politik & Sport

Cricket

Brüder über die Grenzen hinweg
von Jürgen Neitzel

Auf diesen Moment hatten die Cricket-Fans des Subkontinents sehnsüchtig gewartet. Als der pakistanische Star-Bowler (Werfer) Shoaib Akhtar im Eröffnungsmatch den ersten Ball des Spiels auf den indischen Batsmen (Schlagmann) Virender Sehwag bowlte (warf), war es endlich soweit. Erstmals seit 1989 absolvierte ein indisches Cricket-Team eine große Tournee in Pakistan. Die 8 Spiele umfassende Test-Serie übertraf sportlich und politisch alle optimistischen Erwartungen. Am Ende konnten sich alle als Sieger fühlen: die Spieler, die Fans, die Politiker und die Sicherheitskräfte.

Angefangen hatte alles unscheinbar und leise im Januar diesen Jahres. Auf dem Staatsgipfel der südasiatischen Vereinigung für regionale Kooperation (SAARC) verständigten sich Indien und Pakistan auf eine Wiederaufnahme des bilateralen Dialogs. Ein wichtiger Teil der Entspannungsbemühungen sollte der oft geplante, aber immer wieder verschobene Besuch des indischen Cricket-Teams in Pakistan darstellen.

Cricket-Fieber

Cricket wurde auf dem Subkontinent im 18. Jahrhundert von den britischen Kolonialherrenn eingeführt. Zum offiziellen Nationalsport entwickelte sich das Wurf- und Schlagspiel jedoch erst nach der Unabhängigkeit 1947.

"Für die Menschen Südasiens ist Cricket nicht nur Nationalsport, es ist Leidenschaft, fast schon Religion", erklärt die pakistanische Cricket-Legende Imran Khan die Bedeutung des Sports für beide Nationen.

Kaum war die lange herbeigesehnte Tournee angekündigt, brach in Indien und Pakistan das Cricket-Fieber aus. Innerhalb weniger Stunden waren die Tickets für die Spiele vergriffen. Pakistan, das wie Indien nur sehr restriktiv Reisegenehmigungen ausstellt, erklärte sich bereit, spezielle Cricket-Visa schnell und unbürokratisch zu vergeben.

Kaum verkündet, gingen bei der pakistanischen Botschaft über 80.000 Anträge ein. Am Ende pilgerten tausende von Indern friedlich über die Grenzübergänge nach Pakistan, um ihr Team lautstark zu unterstützen.

Unter den "Grenzgängern" befanden sich die übliche Politprominenz, wie die Kinder der Kongress-Präsidentin Sonia Gandhi, Rahul und Priyanka, Wirtschaftsgrößen sowie die Bollywood-Stars Amitabh Bachchan und Shah Rukh Khan.

Ein ganz besonderer indischer Gast war Dina Jinnah, die Tochter des pakistanischen Staatsgründers Mohammed Ali Jinnah. Dina, die von ihrem Vater getrennt in Indien aufwuchs und dort lebt, besuchte zum erstenmal in ihrem Leben das Nachbarland.

Während der Spiele wirkten die Städte beider Länder wie ausgestorben. Staatsdiener hatten ihre Schalter geschlossen, Büroangestellte Urlaub genommen oder einfach "blau" gemacht. 500 Millionen Südasiaten, so die Schätzungen, verfolgten die Matches live im Fernsehen oder auf Großleinwänden, die an zentralen Orten der Städte extra aufgestellt wurden.

Zwei Phasen

Die gesamte Testspiel-Serie wurde in zwei Phasen unterteilt. Den Anfang machten fünf sogenannte "One-Day Internationals", die ca. 6-7 Stunden dauern, aber an einem Tag beendet sind. Der zweite Teil der Tournee bestand aus 3 Matches der klassischen Langversion des Cricket, die sich über jeweils fünf Tage erstrecken und auch unentschieden enden können.

Die sportliche Konstellation hätte interessanter nicht sein können. Auf der einen Seite Indien, der Vize-Weltmeister 2003, der momentan mit seiner gelungenen Mischung aus etablierten Stars und jungen, erfolgshungrigen Talenten zu den besten Teams der Welt zählt.

Auf der anderen Seite Pakistan, das nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Weltmeisterschaft letztes Jahr einen erfolgreichen Neuanfang startete und die Testspiele als Chance ansah, sein internationales Renomeé als Cricket-Supermacht wiederherzustellen.

Hitchcock führte Regie

Entsprechend hoch waren die Erwartungen der Fans und diese sollten nicht enttäuscht werden - im Gegenteil: mehr Spannung, mehr Dramatik ist im Cricket nicht möglich. Bereits die ersten beiden "Ein-Tages-Spiele" in Karachi und Rawalpindi entwickelten sich zu Thrillern, die Alfred Hitchcock nicht besser hätte inszenieren können.

Nachdem die indischen Batsmen in Karachi eine hohe Punktzahl von 349 Runs vorgelegt hatten, schien die Niederlage Pakistans bereits besiegelt. Doch die Gastgeber kämpften sich unter den frenetischen Anfeuerungsrufen der eigenen Fans Punkt für Punkt heran.

Pakistan benötigte aus den letzten 6 geworfenen Bällen lediglich 9 Runs für den Sieg, ein machbares Unterfangen. Doch der indische Bowler Ashish Nehra behielt die Nerven, reduzierte Pakistan auf 3 Runs und sicherte Indien den hauchdünnen 349 zu 344 Sieg.

Ähnlich dramatisch verlief die zweite Partie, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Pakistan legte mit 329 Runs die Messlatte für die indischen Batsmen sehr hoch. Verzweifelt stemmte sich das indische Team gegen die Niederlage. Doch selbst eine Top-Schlagleistung von Sachin Tendulkar, der zu den besten Batsmen der Welt zählt und in Rawalpindi 141 Runs erzielte, reichte nicht mehr. Pakistan gewann ebenfalls denkbar knapp mit 12 Runs, 329 zu 317.

Showdown in Lahore

Und auch das dritte Spiel entschied Pakistan zu seinen Gunsten. Somit lautete der Zwischenstand nach drei Partien 2:1 für die Gastgeber. Alle Vorzeichen sprachen für einen Gesamtsieg des pakistanischen Teams, umso mehr, als Indien im vierten Spiel nicht nur 293 Runs aufholen, sondern auch den frühen Hinauswurf seiner Top-Batsmen Tendulkar und Laxman verkraften mußte.

In dieser Situation zeigte die indische Mannschaft jedoch etwas, was man in der Vergangenheit oftmals vermisst hatte: Kampfgeist. Angeführt vom überragenden Batsmen Rahul Dravid (unter Cricket-Experten als "The Wall" bezeichnet) überstand Indien diese kritische Phase, gewann das Spiel noch und glich zum 2:2 aus.


Historischer Sieg - Indisches Cricket-Team gewinnt erstmals in Pakistan

Das letzte Spiel in Lahore mußte die Entscheidung bringen. 24.000 begeisterte Zuschauer in Lahore sahen Indien zuerst schlagen. Dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung standen am Ende 293 Runs auf der Habenseite. Angesichts der bisherigen Schlagergebnisse war dies aber kein Resultat, bei dem man sich entspannt zurücklehnen konnte.

Doch schon früh gelang es den indischen Youngsters, Pathan (19) und Balaji (22), zwei der erfahrensten pakistanischen Batsmen hinauszuwerfen. Und als der in den bisherigen Spielen überragende Kapitän Inzamam-ul Haq von den indischen Bowlern zu "Fall" gebracht wurde, war das Spiel praktisch entschieden.

Am Ende siegte Indien klar mit 40 Runs und sicherte sich den 3:2 Gesamtsieg der "One Day Internationals (ODIs)". Als Indiens Kapitän Sourav Ganguly den Pokal überreicht bekam und in die Höhe stemmte, stand ganz Indien Kopf. Millionen Menschen feierten auf den Straßen, der Himmel über Neu-Delhi leuchtete im Schein der Feuerwerkskörper.

Die Freude der Fans war verständlich, denn es war ein historischer Sieg. Zum erstenmal in der Cricket-Geschichte beider Staaten gelang es Indien, eine mehrere Spiele umfassende ODI-Serie in Pakistan zu gewinnen. Komplettiert wurde der indische Triumph bei den nachfolgenden 3 Fünf-Tage-Tests. Indien schlug Pakistan zweimal mit einem grossen Vorsprung - ebenfalls die ersten Test-Siege überhaupt auf pakistanischem Boden.

Lesen Sie im zweiten Teil über die politischen Auswirkungen des Sport-Spektakels

Eroberung der Herzen


Fans beider Seiten demonstrierten immer ihren
Friedenswillen
Sportlich war die Cricket-Tournee ein voller Erfolg. Indiens Cricket-Team hatte jedoch neben der sportlichen noch eine zweite Mission zu erfüllen. So bat Indiens Premier Vajpayee die Mannschaft bei der Abreise, in Pakistan nicht nur Matches zu gewinnen, sondern auch "Herzen zu erobern".


Indien und Pakistan wollen über den sportlichen Wettkampf wieder zueinander finden und erhofften sich von den Spielen wertvolle Impulse für den gerade erst begonnen Friedensprozess. Doch die Sicherheitskräfte auf beiden Seiten warnten vor möglichen Gewalttaten während der 39-tägigen Tour. Ein Anschlag hätte beide Länder umgehend in die politische Eiszeit zurückkatapultiert.

Bereits das erste Spiel in der "Kriminalitätshochburg" Karachi wurde mit nervöser Spannung erwartet. Noch letztes Jahr erschütterten beim Besuch der südafrikanischen Cricket-Mannschaft Bombenanschläge die Millionenmetropole. Und 1989 brachen während des Spiels Pakistan gegen Indien gewalttätige Unruhen im Stadium aus.

Doch dieses Mal sollte alles anders sein. Bereits bei der Ankunft in Karachi wurden die indischen Cricket-Stars begeistert begrüßt - am selben Ort, an dem indische Spieler 1989 wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen mußten.

Obwohl Pakistan das erste Spiel verlor, flogen keine Eier und Tomaten, sondern die pakistanischen Stadiumbesucher erhoben sich zu Standing Ovations für die Leistung beider Teams. "Der Frieden und nicht nur Cricket haben in Karachi den Sieg davongetragen", erklärte der Ladenbesitzer Mohammad sichtlich berührt.

Was in Karachi begann, setzte sich auch an den anderen Spielorten fort. Was bei Fussball-Länderspielen undenkbar wäre - in den Stadien waren die Fans nicht voneinander getrennt. Doch anstatt sich anzufeinden, tanzten die Fans beider Mannschaften mit ihren Fahnen auf den Rängen und sangen gemeinsame Lieder. Der Höhepunkt des Friedenswillens: die beiden zusammengenähte Nationalflaggen Indiens und Pakistans, mit einem Streifen verbunden, auf dem das Wort Frieden zu lesen war.

Auch außerhalb der Stadien war die Verbrüderung allgegenwärtig. Die angesehene Tageszeitung "Times of India" berichtet in ihrem Leitartikel "Brüder über die Grenzen hinweg" von Taxifahrern, die ihre indischen Fahrgäste ohne Bezahlung transportierten, von Sicherheitskräften, die sich bei den Fans für die umfangreichen Kontrollen entschuldigten und wie die indische Gäste unzählige Einladungen zum Essen erhielten.

"Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, in denen man sich als Inder wie zu Hause fühlt. Ironischerweise ist Pakistan, mit dem wir vier Kriege geführt haben, eines dieser Länder", urteilte die Times of India.

Indiens Vize-Premier L.K. Advani bezeichnete die Cricket-Tour als "wichtigen Schritt" zur Normalisierung der bilateralen Beziehungen. Der Sport als Katalysator für den Frieden? Trotz aller Euphorie ist jedoch Vorsicht angebracht.

Pakistans Militärmachthaber Musharaf betonte, dass sich mit Cricket die grundlegenden politischen Zwistigkeiten zwischen Indien und Pakistan, wie der Kaschmir-Konflikt, nicht lösen lassen. Nichtsdestotrotz ist der Friedensprozess weiter gestärkt worden. Und für nächstes Jahr ist der Gegenbesuch der pakistanischen Mannschaft in Indien geplant. Die "Cricket-Diplomatie" kann weitergehen.

 

Cricket - eine Kurzeinführung

Cricket ist ein Schlagballspiel für je 11 Spieler pro Team. Das Spiel ist in Durchgänge oder Innings eingeteilt. Während dieser versucht Mannschaft A, die Schlagrecht besitzt, Punkte zu erzielen (Runs), während Mannschaft B darauf aus ist, die Schlagleute (Batsmen) von Mannschaft A daran zu hindern bzw. rauszuwerfen.
Sobald 10 der 11 Batsmen von Mannschaft A ausgeschieden sind oder im Falle der ODIs (One-Day Internationals/Ein-Tages Spiele) eine bestimmte Anzahl von Bällen geworfen (gebowlt) wurde, ist der Durchgang beendet und die Rollen der Mannschaften werden getauscht. Ziel ist es, am Ende mehr Runs/Punkte zu haben als der Gegner.
Cricket wird auf zwei unterschiedliche Arten gespielt. Neben den Test Matches (eigentlich die klassische Variante, die oft Tage dauern) haben sich für internationale Wettbewerbe die One-Day Internationals (ODI), die "Ein-Tages Spiele", durchgesetzt. Bei diesen ist die Anzahl der Bälle, die gebowlt werden, begrenzt: meistens 50 sogenannte "over" á 6 Bälle. Sollten bereits vor Erreichen der 50 overs die 10 Batsmen ausgeschieden sein, so endet der Durchgang vorzeitig. Das Team, das die meisten Punkte/Runs erzielt, gewinnt. Ein Unentschieden kann nicht vorkommen.

Mehr zu den Cricket-Regeln unter www.cricket.de

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