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Ausgabedatum: 28.12.2003 |
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Aparna kocht für Gott
Bild (copyright Jürgen Neitzel): Das Opferessen für die Göttin Durga In der Zwischenzeit gesellte sich mein Schwager Andreas zu uns, mit der Tageszeitung in der Hand. "Lästiger Mitesser", dachte ich mir, hegte jedoch die berechtigte Hoffnung, dass die Gerichte auch für zwei ausreichen würden. Erwartungsfroh setzte ich mich an den grossen Esstisch. Kurze Zeit später erschien Aparna und erklärte bestimmt: "Die Zeitung dürft ihr auf den Tisch legen, aber kein Essen". Enttäuscht und irritierend zugleich blickte ich zu meinem Schwager, der trocken erwiderte: "Aparna kocht wieder für Gott". Wie konnte ich das nur vergessen. Was Aparna seit den frühen Morgenstunden vorbereitete, war nicht ein leckerer Mittagstisch für die Schwiegersöhne, sondern das Opferessen für die Göttin Durga. In Indien verehrt man die Göttin Durga als Verkörperung der göttlichen Kräfte ("Shakti"), die die Welt von dem Bösen befreit und den Menschen Frieden und Wohlstand bringt. Der Legende nach entstand Durga aus der göttlichen Energie von Shiva, Vishnu und Brahma, um die tyrannische Herrschaft des Dämonen Mahishasura zu beenden. Der Sieg Durgas über die Dämonen oder symbolisch der Sieg des Guten über das Böse wird in Indien einmal im Jahr als Durga Puja begangen. Durga Puja zählt zu Indiens bedeutsamsten religiösen Festen, vor allem für die bengalischen Hindus. Der Zeitpunkt ist immer im Herbst, jeweils an unterschiedlichen Tagen, die jährlich von Astrologen neu berechnet werden. Überall im Lande wird dann mit Gebeten, religiösen Zeremonien aber auch mit Kulturprogrammen und opulenten Festessen die Ankunft Durgas gefeiert. In Deutschland besitzt das Durga Puja eine jahrzehntelange Tradition. Öffentlich gemietete Gebäude, wie zum Beispiel Bürger- und Kulturzentren, dienen als Veranstaltungsort. Köln, Bremen, Frankfurt/M, Stuttgart, Berlin und Hamburg haben sich im Laufe der Jahre zu wichtigen Puja-Zentren entwickelt. Interessante Festtage sind Sashti, der erste Tag, wenn das Gesicht der Göttin enthüllt wird oder der letzte Tag Dashami. An diesem verabschieden sich in Indien die Gläubigen von Durga, indem die prächtig geschmückten Götterbilder von Durga, meistens aus Ton eigens für das Puja geformt, in den Fluten des Ganges versenkt werden. Danach füttert man sich gegenseitig mit indischen Süssigkeiten und einige Inder genehmigen sich - man gönnt sich ja sonst nichts - Limonade mit einem Schuss 'Bang' oder auch Marihuana - zum besseren Meditieren natürlich. Bild (copyright Jürgen Neitzel): Das Durga Puja in Frankfurt/M
Die gesamten Kochutensilien (Töpfe, Pfannen und Boxen) werden der Reinheit wegen nur einmal im Jahr benutzt und danach wieder auf dem Dachboden verstaut. Das Opferessen selbst darf - streng religiös betrachtet - nur von Brahmanen, Angehörigen der Priesterkaste, gekocht werden. Meine Schmiegermutter, Tochter eines Brahmanen, erklärte mir gegenüber, dass diese Vorschriften antiquiert und diskriminierend seien. Wer hätte das Recht, Frauen anderer Kasten zu verbieten, ihre religiöse Verehrung der Göttin Durga mit der Zubereitung des Opferessens auszudrücken. Und ausserdem würde die Einbeziehung anderer Kasten in den Kochprozess das Gemeinschaftsgefühl in der Bengali Community stärken. Weise Ansichten, die meine Schwiegermutter gleich an mir demonstrierte. Mir als Nicht-Hindu wurde die "Ehre" zuteil, den Korb mit dem Opferessen vom zweiten Stock nach unten und danach ins Auto zu tragen - das hat man nun von der Gleichberechtigung. Wir betraten den Raum für die religiöse Andacht im oberen Geschoss eines Frankfurter Studentenwohnheims. An seinem Kopfende befand sich der mit Blumen prächtig geschmückte Altar, an dessen Fuss das Opferessen für die Göttin ausgebreitet war. Bild (copyright Jürgen Neitzel): Das Altarbild der Göttin Durga
Mittlerweile hatte sich der Raum mit Indern und Gästen anderer Nationalitäten gefüllt. Ausdrücklich sind Nicht-Hindus und Nicht-Inder zu den Veranstaltungen des Durga Pujas willkommen. Indische Frauen hatten ihre schönsten Saris angezogen und den wertvollsten Schmuck angelegt - alles zu Ehren der Göttin. Sie verliehen den ansonsten schlichten Räumlichkeiten Glanz, Würde und Festlichkeit. Das Licht wurde gedimmt, der Priester begann die Andacht mit dem Vorlesen religiöser Verse, den Mantras. Ähnlich dem Vater-Unser sprach der Priester vor und die Gläubigen wiederholten seine Worte. Musikalisch mit Tabla-Klängen aus dem Kassettenrekorder untermalt, drehte sich der Priester zum Altarbild der Göttin Durga und vollführte vor ihrem Antlitz Kreisbewegungen mit einer Lampe, die mit ihrer Flamme das heilige Feuer darstellen sollte. Anschliessend wurden alle Puja-Teilnehmer mit dem heiligen Feuer gesegnet. Auf dem Höhepunkt der Abend-Andacht bliesen Angehörige der Bengali Community die Muschel als Symbol des Sieges der Göttin über den Dämonenherrscher. Jetzt konnte der gemütliche Teil des Abends beginnen. Für indische Verhältnisse erstaunlich diszipliniert gingen die Gäste in Gruppen zum Essen, das in einem separaten Raum im Untergeschoss stattfand. Es gab Dal (Linsen), Gemüse, Reis und Chapatis (Fladenbrote). Und überraschend bot mir der nette Inder hinter der Theke ein Glas Wein oder Bier an. Doch Vorsicht: nicht alle Durga Pujas sind so genussfreundlich, bei vielen ist Alkohol strengstens verboten. Am Ende wartete noch eine weitere positive Überraschung: das Opferessen wurde unter den Gästen verteilt. So kam ich doch noch in den Genuss der Kochkünste meiner Schwiegermutter. In Gedanken formulierte ich einen Dank an Durga und freute mich schon, Sie nächstes Jahr wieder begrüssen zu dürfen. Interessante Infos zum Durga Puja unter: Bisher in India Unplugged erschienen:
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