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Ausgabedatum: 21.11.2001

Newsletter Special: Südasien nach dem Terroranschlag

Hintergrund-Artikel

Indiens Wirtschaft vor schweren Zeiten

Von Jürgen Neitzel

Besorgt schaute er aus, der indische Finanzminister Yashwant Sinha, als er Mitte Oktober indische Wirtschafts-Journalisten in New Delhi empfing. Denn sein Job ist nach dem 11. September nicht gerade leichter geworden. Unter Anspielung auf die Situation der indischen Wirtschaft erklärte er ungewöhnlich offen: "Die Dinge waren bereits vor dem Anschlag nicht einfach und jetzt sind sie noch schwieriger geworden". Am meisten Sorgen machen dem Finanzminister die Exporte und ausländischen Investitionen sowie der Tourismus.

Exporte und Tourismus rückläufig
Die indische Exportindustrie ist stark abhängig von der US-Nachfrage. Von Indiens Exporten im Wert von 44,4 Mrd. US$ im Budgetjahr 2000-01 gingen ca. 21 Prozent in die USA. Der Verband der indischen Exporteure schätzt, daß im Zeitraum September/Oktober die Ausfuhren um ca. 30 Prozent zurückgegangen sind. Besonders betroffen von der Exportflaute sind vor allem die Schmuck- und Textilindustrie, die 40 % ihrer weltweiten Exporte in die USA liefern.

"Schmuck und Juwelen haben momentan keine Priorität für den amerikanischen Konsumenten", bemerkt Azeez Zhaveri, Mitglied des Exportförderungsverbandes für die Branche. Und viele Textilunternehmen befürchten massenhafte Stornierungen aus Amerika im Vorweihnachtsgeschäft.

Ebenfalls düster sieht es in der Tourismus-Industrie aus. Der größte indische Reiseveranstalter, Sita Travels berichtet bereits über den Ausfall von 5-6 % der Jahresbuchungen. Hält die politische Unsicherheit weiter an, sind Geschäftsrückgänge in einer Größenordnung von bis zu 20 % nicht ausgeschlossen.

Widerstandsfähige Software-Industrie
Auch der Hoffnungsträger der indischen Wirtschaftsentwicklung, die Software-Branche, wird sich dem weltweiten wirtschaftlichen Abwärtstrend nicht entziehen können. Erste Analysen gehen von einem Umsatzrückgang von 5-10 % aus. Viele Unternehmen werden jedoch noch stärkere Einbußen hinnehmen müssen, denn der Anteil der USA am Gesamtgeschäft beträgt oftmals über 70 %.

Die "Big-Player" der indischen Software-Industrie, wie Wipro Technologies, zeigen sich jedoch erstaunlich widerstandsfähig. Im ersten Geschäftshalbjahr, das Ende September endete, konnte Wipro im Vergleich zur Vorjahresperiode die Einnahmen um 21 % und den Gewinn nach Steuern sogar um 63 % steigern. Was Analysten überzeugte: das Umsatzwachstum von 10 % gegenüber dem letzten Quartal. Außerdem strukturiert Wipro sein internationales Geschäft konsequent um: der Anteil Europas am laufenden Geschäft wurde im abgelaufenen Quartal von 24 auf 39 % gesteigert. Damit will man die Abhängigkeit vom amerikanischen Markt Stück um Stück verringern.

Indische Wirtschaftspolitik steuert dagegen
Nach dem Terroranschlag auf das World Tarde Center befand sich die indische Börse im freien Fall. Der Bombay Stock Exchange Index verlor in vier Tagen allein 15 % und stürzte auf 2680 Punkten, so tief wie seit 8 Jahren nicht mehr. Ausländische Finanzinvestoren zogen allein im September 100 Millionen US$ ab, im August gab es noch Zuflüsse von 93 Millionen US. Die indische Wirtschaftspolitik reagierte mit einer Reihe von Maßnahmen zur Unterstützung der Märkte.

Zunächst hob Yashwant Sinha das Limit für ausländische Finanzinvestitionen von 49 auf 74 % an. Kurze Zeit später erteilte die indische Regierung Unternehmen die Erlaubnis, bis zu 10 % ihrer Anteilsscheine ohne vorherige Genehmigung der Aktionäre zurückzukaufen. Dem Beispiel der US-Notenbank folgend drehte die Reserve Bank of India (RBI) zudem den Geldhahn auf. Die indische Notenbank senkte die Bank Rate (der Zinssatz, den die RBI für Kredite an Banken nimmt) um 50 Basispunkte auf jetzt 6,5 %.

Kurzfristig konnte die indische Wirtschaftspolitik schlimmeres verhindern. Der BSE-Index stieg wieder auf über 3000 Punkte. Doch mittelfristig sind die Aussichten weiterhin unsicher. Die bereits vor den Terroranschlägen rückläufigen Wachstumsraten werden sich weiter abschwächen. Das Finanzministerium kalkuliert bereits mit fallenden Steuereinnahmen, so daß das Haushaltsdefizit über der angepeilten Marke von 4,7 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen wird.

Keine Krise ohne Chancen
Einzig die Entwicklung des Ölpreises sorgt für Entspannung. Kurzfristig schoß der Preis pro Barrel Rohöl auf über 30 US$. Indien ist von einem höheren Ölpreis besonders stark betroffen, da es 80 % seiner Ölbedürfnisse importieren muß. Für den Moment jedenfalls gibt es Entwarnung. Anfang November fiel der Preis für Rohöl unter die Marke von 20 US$.

Die weltwirtschaftlichen Auswirkungen des 11. September bieten für Indien jedoch auch Chancen. So sind die Zinsen weltweit auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Dies ermöglicht es indischen Unternehmen und der Regierung, Geld zu günstigen Bedingungen aufzunehmen bzw. bestehende Kreditlinien mit besseren Konditionen auszustatten. Indiens Auslandsschulden (Regierung + Unternehmen) haben die 100 Mrd. US$ überschritten, ein Großteil des Geldes wurde zu Zinssätzen von 8 % aufgenommen.

Kapitalgüter sind weltweit zudem sehr günstig geworden. Maschinen und Ausrüstung gibt es jetzt zum "Schnäppchenpreis": eine gute Gelegenheit für die indische Industrie, ihre Produktionsanlagen zu modernisieren. Und schließlich haben fallende Aktienkurse einige Unternehmen zu interessanten Übernahmeobjekte für die indische Software-Industrie werden lassen. "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für indische Software-Giganten, wie Wipro und Infosys, gekommen, um weltweit auf Einkaufstour zu gehen", erklärt Shitin Desai, Managing Director bei Merill Lynch.

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