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Ausgabedatum: 30.07.2003

Wirtschaft

Der Kursverfall indischer Software-Aktien weist auf fundamentale Schwächen der Branche hin

Systemfehler - Absturz droht!

Von Jürgen Neitzel

Ashank Desai, Vorsitzender und Managing Director des indischen Software-Dienstleisters Mastek, kann es immer noch nicht fassen. Hilflos mußte er mit ansehen, wie sich der Mastek-Aktienkurs innerhalb einer Woche halbierte. Auch dass er sich in prominenter Gesellschaft befand, konnte ihn nicht trösten. Die indischen Software-Giganten Wipro und Infosys verloren jeweils über 30 % ihres Börsenwertes.

Verständnislos erklärte Ashank Desai: "Alles was wir gesagt haben, ist, dass wir dieses Jahr nicht mit 40 %, sondern mit 30 % wachsen werden. Sind 30 Prozent Wachstum denn nichts?". Für die Investoren anscheinend nicht, denn die fällten ihr gnadenloses Urteil über die gesamte indische Software-Branche: Verkaufen!

Auslöser des Kursrutsches war der indische Software-Gigant Infosys, der im April ein Gewinnwachstum von 12 % für 2003/2004 prognostizierte - deutlich geringer als von Analysten erwartet. Die Spekulationsblase platzte mit einem lauten Knall. Allein in der Woche vom 9. bis 17. April wurden ca. 10,5 Mrd. US$ an Börsen-Kapital vernichtet.

Obwohl sich die Kurse inzwischen wieder etwas erholt haben, stellt sich die Frage: Ist das indische "Software-Wunder" etwa schon zu Ende? Ja und Nein. Nein, denn die Auftragslage ist weiterhin gut. Ja, denn die Zeiten steigender Profite sind erst einmal vorbei.

Umsatz - die Erfolgsstory geht weiter
Zuerst die guten Nachrichten: selbst in weltwirtschaftlich schwierigen Zeiten gelang es den indischen Software-Dienstleistern, neue Aufträge an Land zu ziehen. Infosys vermeldete ein Umsatzwachstum von 39 % im Geschäftsjahr 2002/2003 (April - April); British Telecom vergab Anfang April einen 160 Mio. US$-Großauftrag an HCL Technologies.

Diese Beispiele zeigen: die Nachfrage nach gut ausgebildeten, englischsprachigen Indern, die maßgeschneiderte Software-Lösungen entwickeln, ist intakt.

Gewinn - die Erfolgsstory hat Risse bekommen
Die schlechten Nachrichten sind: zwar kann die indische IT- und Software-Branche ihre Umsätze weiter steigern, doch gleichzeitig hinkt der Gewinn deutlich hinterher.

So verringerten sich die Wachstumsraten des Nettogewinns bei Infosys von 112 % im Geschäftsjahr 2000/2001 auf gerade mal 18,5 % in 2002/2003. Anderen Konkurrenten ergeht es noch schlimmer. Wipro verbuchte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2002/2003 gerade mal ein Mini-Gewinnwachstum von 6,12 %.

Wer es sich einfach macht, nennt als Gründe für diese negative Gewinn-Entwicklung externe Faktoren: die weltwirtschaftliche Rezession, den Irak-Konflikt oder die Lungenkrankheit SARS. Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer und stellen die indische Software-Industrie vor eine große Herausforderung.

Sinkende Margen
"Indische IT-Unternehmen bekommen immer weniger für ihre Dienstleistungen. Es scheint, dass sie ihre Preis-Macht verloren haben. Wir haben eine Phase erreicht, in der IT-Services zum Allgemeingut geworden sind", gibt Nilesh Shah, Analyst bei Kotak Securities zu bedenken.

Die Stundenlöhne, die indische Unternehmen für ihre IT-Dienstleistungen erhalten, fielen von geschätzten 30 US$ auf heute ca. 20 US$ - bei größeren Projekten verlangen die Kunden weitere Rabatte.

Niedrigere IT-Budgets der Kunden als Folge der weltwirtschaftlichen Rezession ist einer der Gründe für den anhaltenden Preisdruck. Zum anderen hat sich der inländische Wettbewerb intensiviert. Viele global agierende IT-Unternehmen haben Tochterfirmen in Indien eröffnet und haben somit den selben Zugriff auf gut ausgebildete Software-Experten wie die indischen Konkurrenten.

Suresh Senapathy, Chief Financial Officer bei Wirpo bringt es auf den Punkt: "Wipro muß sich zwei Arten des Preisdrucks stellen. Der eine kommt von Kunden, die sagen, wenn sie keine Preisreduzierung bekommen, gehen sie zur Konkurrenz. Und der andere kommt von Kunden, die bei zusätzlichen Aufträgen bessere Konditionen verlangen."

Auswege aus der Krise
Wie ist es um die Zukunft der indischen Informationstechnologie (IT) bestellt? "Nein, die IT-Saga ist noch nicht beendet", ist sich Nilesh Shah sicher, schränkt jedoch ein: "Die gesamte Software-Branche befindet sich gerade in einer Phase der Neuorientierung. Die Unternehmen müssen ihr Geschäftsmodell überdenken und ihr Angebot erweitern, um eine höhere Wertschöpfung zu erzielen".

Die gut gemeinten Ratschläge scheinen bereits auf fruchtbaren Boden zu fallen. Mit Beratung und Produktentwicklung versuchen die indischen IT-Unternehmen, ihre Margen zu verbessern.

"Indiens IT Service-Unternehmen bewegen sich von der Auftragsentwicklung hin zum Software-Design und zum Management grosser IT-Projekte", erklärt der Branchen-Experte Pawan Kumar. Beratungsdienstleistungen werden deutlich besser bezahlt als andere Software-Dienstleistungen.

Infosys zum Beispiel baut seit 4 Jahren einen eigenen Beratungszweig auf. Wipro hat vom Telekom-Anbieter Erisson die Rechenzentren in Bangalore und Hyderabad übernommen. Darin eingeschlossen sind Beratungsdienstleistungen für Ericsson im Wert von 17 Millionen US$.

Andere indische Firmen konzentrieren sich auf die Entwicklung eigener Software-Produkte - ein riskantes Unterfangen, das viel Geld und Ressourcen verschlingt. Doch bei Erfolg sind die Ertragschancen sehr gross. Der indische Software-Anbieter i-flex entwickelte die Banken-Lösung Flexcube und hat bereits mehr als 100 Kunden dafür gewinnen können.

Trotz schwieriger Situation ist der Optimismus der Branche ungebrochen. Girish Paranjape, Präsident für die Sparte Finanzlösungen bei Wipro, ist sich sicher: "Viele von uns haben bereits Schritte in die richtige Richtung unternommen. Es dauert vielleicht noch einige Quartale, aber dann wird sich der Investitionsstau lösen. Grosse, vielversprechende Projekte werden dann ausgeschrieben und wir werden unsere Chance nutzen".

 

 

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